Erinnern, um zu erzählen: Warum Fotografie mehr mit Gedächtnisarbeit zu tun hat, als du denkst
Fotografie ist kein Speicher, sondern ein Filter: Was wir bewusst festhalten, prägt, woran wir uns erinnern – und wie wir unsere Geschichte weitererzählen. © Illustration erstellt mit KI
Was wir erinnern, ist nie neutral. Erinnerungen verändern sich, verdichten sich, verschieben ihren Fokus. Genau darin liegt ihre Kraft. Fotografie ist Teil dieses Prozesses: Sie bewahrt nicht einfach Momente, sie formt Geschichten. Dieser Artikel zeigt, warum visuelles Storytelling immer auch Erinnerungsarbeit ist – und weshalb das für unsere eigene fotografische Praxis entscheidend ist.
Das Leben entsteht im Erzählen
Der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez stellt seiner Autobiografie “Leben, um davon zu erzählen”* ein Leitmotiv voran, das sich wie ein Kompass für visuelles Erzählen lesen lässt:
„Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“
Diese Worte sind keine romantische Überhöhung, sondern nah an dem, was Psychologie und Neurowissenschaften seit Jahren beschreiben: Erinnern ist kein Abrufen eines fertigen Films, sondern eine Rekonstruktion.
Und genau dadurch formt Erinnerung Identität, Sinn und Richtung.
Wenn du mit der Kamera Geschichten sammelst, sammelst du deshalb nie „nur“ Bilder.
Du sammelst Auslöser, die dein zukünftiges Ich wieder in einen Moment hineinziehen können – mit all seinen Bedeutungen, Auslassungen und Neuinterpretationen.
Erinnerung ist formbar und das ist keine Schwäche
Erinnerungen können bei jedem Abruf leicht verändert werden – und schon kleine Hinweise (ein Detail, ein Reiz, ein Fragment) können ganze Erinnerungsketten aktivieren.
Die Forschung verwendet dafür unter anderem das Konzept des „Engramms“: die Idee, dass Erlebnisse mit spezifischen, körperlichen Veränderungen in neuronalen Netzwerken verbunden sind.
Vergangenheit und Zukunft teilen sich denselben Werkzeugkasten
Und wie passt das zum visuellen Erzählen?
Erinnerung dient nicht nur der Vergangenheit. Sie ist auch Rohmaterial für Zukunft.
Neurowissenschaftliche Forschung zeigt seit Jahren, dass das Vorstellen der Zukunft auf viel von derselben neuronalen „Maschinerie“ zurückgreift wie autobiografisches Erinnern. Das Gehirn nutzt gespeicherte Erfahrung, um mögliche Zukünfte zu entwerfen, Optionen zu prüfen und Handlungen vorzubereiten.
Für Fotografie heißt das: Eine gute visuelle Geschichte ist nicht nur Rückblick. Sie kann auch als Baukasten funktionieren – für Entscheidungen, Werte, Mut, Richtung.
Nicht, weil sie „die Wahrheit“ konserviert, sondern weil sie Bedeutung bündelt.
Fotografie als Auslöser und als Eingriff in dein Gedächtnis
Bei “Abenteuer Reportagefotografie” und in meinem Buch “Mit Bildern Geschichten erzählen”* beschäftige ich mich seit Jahren mit einem Kernprinzip: Fotografie ist nicht primär Technik, sondern bewusste Auswahl – Thema, Erzählstimme, Struktur, Editing.
Genau so entstehen Bildstrecken, die nicht nur hübsch sind, sondern hängen bleiben.
Spannend ist: Aus Sicht der Gedächtnisforschung ist das nicht nur ein ästhetischer Ansatz, sondern auch ein kognitiver. Bilder, Sequenzen und Text werden zu Abrufhinweisen, die Erinnerungen reaktivieren – und beim Reaktivieren werden Erinnerungen wieder „verhandelbar“.
Das ist die Logik der Rekonsolidierung: Nach dem Abruf kann Erinnerung vorübergehend formbar sein, bevor sie erneut stabilisiert wird.
Gleichzeitig hat Fotografie eine zweite Seite, die viele Fotografen erst später merken: Das Fotografieren kann die Erinnerung an das Erlebte auch verschlechtern, wenn man unbewusst „aus dem Moment aussteigt“. In einer Studie erinnerten sich Teilnehmende an Museumsobjekte und Details schlechter, wenn sie die Objekte fotografierten, statt nur zu schauen.
Weitere Arbeiten diskutieren, unter welchen Bedingungen dieser Effekt robust ist und welche Mechanismen (Aufmerksamkeitsabzug, „Auslagern“ an das Gerät) eine Rolle spielen können.
Und dann ist da noch ein dritter Punkt, der für Storytelling entscheidend ist: Fotos können Erinnerungen nicht nur auslösen, sondern auch in eine Richtung schieben. Es gibt Hinweise darauf, dass vorhandene Fotos und die Art, wie wir sie wiederholt ansehen, beeinflussen können, wie wir ein Ereignis später rekonstruieren – etwa welche Perspektive wir innerlich einnehmen oder welche Details plötzlich „zentral“ wirken.
Das ist keine Aufforderung, die Kamera wegzulegen.
Es ist eher eine Einladung, bewusster zu entscheiden, wann du dokumentierst – und wann du erst einmal erlebst, bevor du den Auslöser drückst.
Genau dort beginnt visuelles Erzählen.
Erinnerung und Geschichte zusammenbringen
Ich glaube fest daran, dass Storytelling nicht bei Blende und ISO beginnt, sondern bei Inhalt und Struktur:
Was ist das Thema, welche Erzählstimme wählst du, wie kuratierst du?
Wenn man das mit der Gedächtnisforschung zusammendenkt, entsteht ein sehr praktischer Workflow: Du fotografierst nicht „mehr“, du fotografierst „gezielter“, damit deine Bilder später als starke Abrufhinweise funktionieren – und damit die Geschichte beim Editing wirklich trägt.
Ein möglicher Ablauf
Erstens: Vor dem Fotografieren eine Erinnerungsabsicht setzen.
Nicht groß, nicht verkopft – ein Satz reicht:
„Woran will ich mich in fünf Jahren erinnern – und warum?“
Zweitens: Beim Fotografieren nach Auslösern suchen, nicht nach Motiven.
Das Gedächtnis wird oft über Hinweise reaktiviert: ein Detail, ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste.
Forschung zum sogenannten Proust-Phänomen zeigt, dass Gerüche autobiografische Erinnerungen häufig besonders emotional und „nah“ wirken lassen können – nicht immer, aber oft.
Für Fotografie heißt das übertragen: Details sind nicht Deko. Sie sind Zündfunken.
Drittens: In Ebenen fotografieren, damit die spätere Rekonstruktion funktioniert.
Nicht als Checkliste, sondern als Denkmodell:
Szene und Kontext (wo bin ich?)
Handlung (was passiert?)
Menschen und Beziehungen (wer mit wem?)
Details (wodurch fühlt es sich echt an?)
Bedeutung entsteht in der Kombination, und Editing ist der Moment, in dem aus Material Erzählung wird.
Viertens: Nach dem Fotografieren die Geschichte „stabilisieren“, bevor sie zerfasert.
Der Gedächtnisforschung zufolge kann Abruf Erinnerung verändern; das gilt auch, wenn Bilder Erinnerungen reaktivieren. Wenn du nach einem Ereignis zeitnah editierst und beschriftest, setzt du einen Rahmen, der spätere Abrufe mitprägt.
Praktisch heißt das: eine kurze Notiz pro Bild (Ort, Situation, ein Satz Bedeutung). Nicht literarisch. Präzise.
Das ist im Kern ein Perspektivwechsel: Du editierst nicht nur für Zuschauer. Du editierst auch für dein zukünftiges Ich.
Verantwortung beim Erzählen: Wenn Bilder Erinnerung formen
Wenn Erinnerung formbar ist, steigt die Verantwortung des Erzählers.
Das gilt im Privaten (Familiengeschichten), und noch stärker im Dokumentarischen oder Journalistischen: Wer Bilder zeigt, liefert oft Abrufhinweise – und kann dadurch Deutungen stabilisieren oder verschieben.
Die Forschung zu Fehlinformationen und falschen Erinnerungen zeigt, dass Erinnerung durch nachträgliche Informationen beeinflusst werden kann. Das ist gut belegt – und betrifft nicht nur Zeugenaussagen, sondern generell die Art, wie wir Ereignisse im Nachhinein „zusammensetzen“.
In der Praxis heißt das: Bildunterschriften, Sequenzierung, Auswahl und Weglassen sind nie neutral.
Sie lenken Aufmerksamkeit, setzen Schwerpunkte und formen Zusammenhänge.
Eine knappe Ortsangabe erzählt etwas anderes als eine erklärende Einordnung.
Die Reihenfolge von Bildern entscheidet darüber, ob ein Ereignis als offen, konflikthaft oder abgeschlossen wahrgenommen wird.
Und das, was du nicht zeigst, ist oft genauso wirksam wie das, was sichtbar bleibt.
All diese Entscheidungen beeinflussen nicht nur, wie andere eine Geschichte lesen, sondern auch, wie sie sich für dich selbst verfestigt.
Genau hier verläuft eine wichtige Linie: Gestalte, um Zusammenhänge zu verstehen – nicht, um eine Aussage festzuschreiben. Visuelles Storytelling hilft dann, Erfahrungen einzuordnen, Widersprüche auszuhalten und Bedeutung entstehen zu lassen.
Wenn du das nächste Mal fotografierst, denk nicht zuerst:
„Was sieht gut aus?“
Denk zuerst: „Was soll bleiben – und wofür?“
Wenn Erinnerung bei jedem Abruf neu zusammengesetzt wird, dann ist Fotografie kein Tresor, sondern ein Werkzeug: Sie kann dich näher an deine Geschichte bringen – oder dich von ihr entfernen, wenn sie zum reinen Sammeln wird.
Die gute Nachricht: Du musst dafür weder mehr fotografieren noch „perfekter“. Du musst nur bewusster wählen, was du sammelst – und wie du es später erzählst.
Das könnte dich auch interessieren
Unterstützung für “Abenteuer Reportagefotografie”
*Bei einigen der Links auf dieser Website handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Wenn du die verlinkten Produkte kaufst, nachdem du auf den Link geklickt hast, erhalte ich eine kleine Provision direkt vom Händler dafür. Du zahlst bei deinem Einkauf nicht mehr als sonst, hilfst mir aber dabei, diese Webseite für dich weiter zu betreiben. Ich freue mich, wenn ich dir Inspiration für deine Kamera-Abenteuer biete.
Falls du Danke sagen möchtest, kannst du mir per PayPal eine Spende zukommen lassen. Oder du schaust auf meiner Amazon-Wunschliste vorbei. Dort habe ich Dinge hinterlegt, mit denen du mir eine Riesenfreude machen würdest.
Herzlichen Dank für deine Unterstützung!