Hello, World!

Diesmal geht es nicht darum, mit einer neuen fotografischen Technik auf die Straße zu ziehen. Stattdessen schauen wir nach innen: Warum fotografierst du eigentlich? Was zieht deine Aufmerksamkeit an, welche Themen kehren in deinen Bildern immer wieder zurück und welche Fotografen haben deinen Blick geprägt? Eine Street-Photography-Aufgabe über Vorbilder, den eigenen Maßstab und die Frage, was deine Fotografie heute ausmacht.

Normalerweise beginnt eine neue Street-Photography-Aufgaben ungefähr so: Nimm deine Kamera, geh raus und achte diesmal besonders auf Licht, Wiederholungen, Geometrie, Nähe, Gesten oder einen anderen Aspekt, den wir trainieren wollen. Diesmal bleibt die Kamera erst einmal liegen. Denn Fotografieren besteht für mich nicht nur daraus, Bilder zu machen. Mindestens genauso wichtig ist die Beschäftigung mit der Frage, warum wir sie überhaupt machen:

  • Was bringt dich dazu, immer wieder mit einer Kamera durch die Straßen zu laufen?

  • Warum bleibt dein Blick an bestimmten Menschen, Situationen, Orten oder Details hängen, während du an anderen vorbeigehst?

  • Was berührt dich?

  • Was irritiert dich?

  • Was weckt deine Neugier?

Vielleicht fotografierst du schon seit vielen Jahren. Vielleicht hast du Tausende Bilder auf deinen Festplatten. Dann kennst du wahrscheinlich auch dieses Gefühl: Du gehst los, reagierst intuitiv auf die Welt und denkst währenddessen gar nicht groß darüber nach, warum dich bestimmte Dinge anziehen. Du siehst etwas, hebst die Kamera und fotografierst. Doch genau darin etwas, was viel über dich aussagt.

Street Photography ist für uns der „Bolzplatz für die Reportage“: ein Ort zum Spielen, Experimentieren, Beobachten und Lernen. Aber irgendwann lohnt es sich, nicht nur zu fragen, ob du besser komponierst, näher an Menschen herankommst oder den richtigen Moment schneller erkennst. Es lohnt sich auch zu fragen: Wohin führt dieses Training eigentlich

Warum fotografierst du?

Diese Frage klingt zunächst größer, als sie sein muss. Du brauchst darauf keine endgültige Antwort. Wahrscheinlich verändert sie sich ohnehin im Laufe deines Lebens. Aber vielleicht kannst du dich ihr annähern. Für mich ist die Kamera auch ein Werkzeug, um die Welt zu untersuchen. Ich fotografiere Dinge, die mich beschäftigen, weil ich sie genauer ansehen möchte. Ich versuche, Zusammenhänge zu erkennen, Erfahrungen einzuordnen und aus dem Chaos der Wirklichkeit für einen kurzen Moment etwas herauszulösen. Ein Foto sagt immer auch: Genau das habe ich gesehen. Genau hier bin ich stehen geblieben. Diesen Ausschnitt habe ich gewählt. Diesen Moment fand ich wichtig genug, um ihn festzuhalten.

Damit ist Fotografie nie nur das Abbild dessen, was vor der Kamera passiert. In jedem Bild stecken Entscheidungen. Nähe oder Distanz. Einschluss und Ausschluss. Zeitpunkt und Perspektive. Und irgendwann entsteht aus vielen solcher Entscheidungen etwas, das wir vielleicht als eigenen Blick bezeichnen können. Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur: Was fotografierst du? Sondern: Warum fotografierst du ausgerechnet das? Hilfreich ist es, zunächst gar nicht über Stil nachzudenken. Schau stattdessen auf das, worauf du reagierst.

  • Welche Situationen ziehen dich immer wieder an?

  • Suchst du Nähe zu Menschen oder beobachtest du lieber aus einiger Entfernung?

  • Interessieren dich Begegnungen, Einsamkeit, Humor, Zugehörigkeit, merkwürdige Konstellationen, gesellschaftliche Widersprüche, Farben, Ordnung, Chaos oder die kleinen Absurditäten des Alltags?

  • Welche Gefühle tauchen in deinen Bildern immer wieder auf?

  • Und noch wichtiger: Welche Fragen?

Vielleicht merkst du bei dieser Beschäftigung, dass sich bestimmte Themen schon seit Jahren durch dein Archiv ziehen, ohne dass du ihnen bisher einen Namen gegeben hast. Das können sichtbare Motive sein. Viel spannender sind häufig die darunterliegenden Interessen. Zehn Bilder von Menschen an Bushaltestellen können beispielsweise weniger mit Bushaltestellen zu tun haben als mit Warten. Philipp Meiners hat darüber übrigens ein tolles Fotobuch veröffentlicht: wARTen.

Bilder einzelner Menschen in großen Stadträumen vielleicht weniger mit Architektur als mit Einsamkeit oder Verhältnis von Mensch und Umgebung. Dein Archiv kann dir an dieser Stelle mehr über deine Fotografie erzählen als jede Stildefinition.

Was macht für dich ein gutes Foto aus?

Der Anlass für diese Aufgabe war unter anderem ein Gespräch, das ich vor Kurzem mit Pia Parolin aufgenommen habe. Gemeinsam mit Joachim Feigl hat sie gerade das Buch „Denken. Fühlen. Fotografieren. – Ein Wegweiser zu mehr Ausdruck, Wahrnehmung und fotografischer Selbstsicherheit“* veröffentlicht. Irgendwann sind wir bei einer dieser Fragen gelandet, über die Fotografen wahrscheinlich endlos diskutieren können: Was macht eigentlich ein gutes Foto aus?

Eine allgemeingültige Antwort gibt es darauf kaum. Das macht die Frage für diese Aufgabe so interessant. Auch Andy Adams hat sie kürzlich in seinem FlakPhoto-Newsletter gestellt. Seine These: Es gibt keine richtige Antwort, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. In seiner weiteren Auseinandersetzung tauchen Kriterien auf wie ein erkennbarer Blick des Fotografen, Beziehungen innerhalb des Bildrahmens, Spannung und Dinge, die nicht vollständig erklärt werden. Technische Perfektion wird dagegen ausdrücklich nicht zum Selbstzweck erklärt. Besonders interessant finde ich den dort genannten Test, ob ein Bild auch den zweiten Blick übersteht. Manche Fotografien erschließen sich sofort und sind ebenso schnell wieder vergessen. Andere öffnen sich erst nach und nach. Man schaut noch einmal hin, entdeckt eine Beziehung, eine Geste oder eine Irritation und beginnt Fragen zu stellen. Aber auch das ist nur ein möglicher Maßstab.

Welche Maßstäbe hast du?

Was muss ein Bild leisten, damit du es selbst für gelungen hältst? Muss es dich emotional treffen? Muss es etwas erzählen? Eine Frage aufwerfen? Muss die Komposition stimmen? Muss es überraschend sein? Persönlich? Mehrdeutig? Humorvoll? Unbequem? Und stimmen diese Kriterien eigentlich mit den Bildern überein, die du selbst machst? Darin steckt eine vielleicht etwas unangenehme, aber produktive Frage:

Fotografiere ich bereits so, wie ich eigentlich fotografieren möchte?

Wer hat deinen Blick geprägt?

Von dort führt ein direkter Weg zu deinen Vorbildern. Pia Parolin hat sich in einem aktuellen Newsletter mit einer Liste der “wichtigsten” deutschen Fotografen beschäftigt. Beim Lesen führte die Liste bei ihr zu einer viel persönlicheren Frage: Wer hat eigentlich meinen eigenen Blick auf Fotografie geprägt – und warum? Sie nennt dabei unter anderem Sebastião Salgado, Martin Parr, Alec Soth und Alex Webb. Das ist für diese Aufgabe die spannendere Frage.

Nicht: Wer sind die größten Streetfotografen aller Zeiten?

Sondern: Wer ist für dich wichtig?

Wir beschäftigen uns in unserer Reihe „Lernen von den Meistern der Fotografie“ aus genau diesem Grund mit Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Joel Meyerowitz, André Kertész und vielen anderen. Uns interessiert nicht nur, wie ihre Bilder aussehen. Wir fragen, warum sie fotografiert haben, was sie gesucht haben, welche Erfahrungen sie geprägt haben und wie aus ihren Einflüssen nach und nach eine eigene fotografische Sprache entstanden ist. Zu den Leitfragen unserer Recherche gehören ausdrücklich:

  • Was treibt diesen Fotografen an?

  • Wonach sucht er?

  • Welche Menschen, Orte und Situationen interessieren ihn?

  • Welche Themen ziehen sich durch sein Werk?

Genau diese Fragen kannst du nun einmal an dich selbst stellen.

Vorbilder sind keine Bauanleitungen

Gerade am Anfang einer fotografischen Entwicklung ist Nachahmung überhaupt nichts Schlimmes. Du entdeckst Alex Webb und versuchst plötzlich, in komplexen Ebenen und kräftigen Farben zu denken. Du schaust Saul Leiter an und bemerkst Reflexionen, beschlagene Scheiben und verdeckte Sichtachsen. Bei Martin Parr siehst du, wie Humor und gesellschaftliche Beobachtung zusammenfinden können. Bei Robert Frank vielleicht, wie subjektiv dokumentarische Fotografie sein darf. Du probierst etwas aus und merkst dabei, was funktioniert und was nicht. So lernen wir. Problematisch wird es erst, wenn aus einem Vorbild eine Schablone wird.

Irgendwann besteht fotografische Entwicklung deshalb auch darin, sich wieder zu lösen. Nicht alles, was du an einem Fotografen bewunderst, passt zu dir. Vielleicht liebst du bestimmte Bilder, möchtest aber selbst ganz anders fotografieren. Vielleicht übernimmst du zunächst eine formale Idee und stellst später fest, dass dich eigentlich das Prinzip dahinter interessiert. Der entscheidende Schritt besteht darin, aus Einflüssen eigene Entscheidungen zu machen.

Dein Archiv als Spiegel

Für diese Aufgabe sollst du deshalb diesmal nicht unbedingt neue Bilder fotografieren. Öffne stattdessen dein Archiv. Schau nicht nur nach deinen “besten” Bildern. Suche nach Wiederholungen. Nach Dingen, die wiederkommen. Nach Motiven, Distanzen, Farben, Situationen, Gesten oder Stimmungen, zu denen du offenbar immer wieder zurückkehrst. Vielleicht erkennst du darin etwas, das dir beim Fotografieren selbst gar nicht bewusst ist. Das greift den Gedanken der vorherigen Aufgabe mit auf: “Noch einmal! Oder warum Wiederholung in der Street Photography kein Rückschritt ist – sondern Training”

Dann suche ein einziges Bild heraus. Nicht zwingend dein spektakulärstes Foto. Nicht das Bild mit den meisten Likes. Nicht das technisch sauberste. Suche das Foto, von dem du im Moment sagen würdest: Das kommt meiner Vorstellung davon, wie ich Street Photography machen möchte, am nächsten. Es darf auch ein Bild sein, an dem nicht alles perfekt ist. Entscheidend ist, dass du darin etwas von dir erkennst.

Bereite für unser nächstes Treffen eine kleine fotografische Standortbestimmung vor:

  • Schreibe für dich auf, warum du derzeit fotografierst, welche Menschen, Situationen, Themen oder Fragen dich besonders anziehen und worauf dein Blick immer wieder reagiert. Versuche außerdem zu formulieren, was für dich persönlich ein gutes Foto ausmacht.

  • Nenne ein oder zwei Fotografen, die deinen Blick besonders geprägt haben. Zeige uns einige ihrer Bilder oder ein Buch und erzähle kurz, was dich daran interessiert. Was hast du von ihnen gelernt? Was hast du vielleicht ausprobiert oder übernommen? Und gibt es Punkte, an denen du dich inzwischen bewusst von ihnen entfernst?

  • Schau durch dein eigenes Archiv und wähle ein Streetfoto aus, das deinen aktuellen fotografischen Stand oder deinen eigenen Blick für dich besonders gut repräsentiert. Überlege nicht nur, warum du das Bild magst, sondern auch, was darin typisch für deine Fotografie sein könnte.

  • Bereite daraus einen kurzen Beitrag für unsere gemeinsame Runde vor. Kein Vortrag und keine fertige Theorie über deine Fotografie. Ein paar Minuten reichen. Interessanter sind offene Gedanken, Zweifel und Entdeckungen, über die wir anschließend miteinander sprechen können.

Vielleicht kommst du am Ende dieser Aufgabe nicht mit einer klaren Definition deines fotografischen Stils heraus. Das wäre völlig in Ordnung. Interessanter wäre ohnehin, wenn du etwas genauer weißt, wonach du suchst. Denn der eigene Blick entsteht nicht dadurch, dass wir uns eines Tages hinsetzen und einen Stil beschließen. Er entwickelt sich aus dem, was unsere Aufmerksamkeit immer wieder bindet, aus unseren Erfahrungen, unseren Interessen, unseren Vorbildern und aus Tausenden kleinen Entscheidungen hinter der Kamera. Und manchmal erkennt man ihn erst, wenn man sich die Zeit nimmt, zurückzuschauen. Das wäre für mich auch der Kern dieser Aufgabe: Für einen Moment nicht fragen, welches Bild du als Nächstes machen möchtest. Spanneder ist: Warum möchtest du überhaupt Bilder machen?

Du möchtest Feedback zu deinen Street-Bildern?

Mit den Unterstützern von “Abenteuer Reportagefotografie” veranstalten wir regelmäßige Bildbesprechungen bei Zoom.

Dabei bekommst du konstruktives Feedback zu deinen eingereichten Street-Bildern und lernst aus den Diskussionen mit den anderen.