Immer wieder etwas Neues auszuprobieren, macht Spaß. Eine neue Technik, eine neue Herangehensweise, eine neue fotografische Aufgabe: Das weckt die Neugier und gibt uns einen Grund, mit der Kamera loszuziehen. Diesmal machen wir es allerdings mal anders. Es gibt kein neues Thema. Stattdessen gehen wir zurück und beschäftigen uns noch einmal mit Dingen, die wir vielleicht längst abgehakt haben.

Denn Fotografieren lernen bedeutet nicht, möglichst viele Aufgaben einmal erledigt zu haben. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten mit der Zeit so selbstverständlich werden, dass du beim Fotografieren nicht mehr bewusst über sie nachdenken musst, welche Situationen du schneller erkennst und welche Entscheidungen irgendwann intuitiver fallen. Genau darum geht es in dieser Foto-Fleißaufgabe: um Wiederholung als Bestandteil des Lernens.

Was auf dem Bolzplatz selbstverständlich ist

Wir nennen die Street Photography gerne unseren „Bolzplatz für die Reportage“. Wenn wir in diesem Bild bleiben, gehört Wiederholung selbstverständlich dazu. Wer Fußball spielen lernt, übt einen Pass nicht nur einmal. Ein Musiker spielt eine Tonleiter nicht nur an einem Nachmittag. Und niemand würde erwarten, nach einer einzigen Trainingseinheit eine Bewegung dauerhaft verinnerlicht zu haben.

Die “Street Photography”-Aufgaben sind daher auch nicht wie Punkte auf einer Liste zu verstehen: erledigt, verstanden, weiter zum nächsten Thema. Zwischen etwas verstanden haben und etwas beherrschen liegt eine Menge Praxis. Du kannst wissen, wie Layering funktioniert, ohne entsprechende Situationen auf der Straße rechtzeitig zu erkennen. Du kannst verstehen, wie Licht und Schatten wirken, ohne dass dein Blick automatisch danach sucht. Und du kannst dir vornehmen, näher an Menschen heranzugehen, ohne dass dir diese Nähe bereits leicht fällt.

Wissen ist die Grundlage. Routine entsteht erst durch Wiederholung.

Street Photography verlangt schnelle Entscheidungen

Gerade in der Street Photography spielt das eine besondere Rolle, denn viele Situationen existieren nur für wenige Augenblicke. Ein Mensch läuft durch eine Lichttasche, zwei Gesten korrespondieren miteinander, jemand tritt genau an die richtige Stelle deiner Komposition oder eine Bewegung verbindet plötzlich verschiedene Elemente im Bild. Häufig bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken. Du musst sehen, antizipieren und reagieren. Mit wachsender Erfahrung erkennst du Situationen früher. Du entwickelst ein Gefühl dafür, wie sich Menschen bewegen, bemerkst mögliche Konstellationen und positionierst dich nicht nur dort, wo gerade etwas passiert, sondern zunehmend dort, wo gleich etwas passieren könnte.

Wiederholung schärft deinen Blick

Wiederholung bedeutet dabei nicht, immer dasselbe Foto zu machen. Wenn du dich mehrfach mit einer fotografischen Aufgabe beschäftigst, verändert sich vielmehr dein Blick darauf. Beim ersten Mal bist du vielleicht noch stark mit dem Prinzip selbst beschäftigt. Du suchst bewusst nach Spiegelungen, Silhouetten, geometrischen Formen oder Lichttaschen und versuchst überhaupt erst einmal zu verstehen, wo solche Situationen entstehen. Beim nächsten Mal erkennst du sie schneller und kannst dich stärker darauf konzentrieren, was du daraus machst.

Aus einer einfachen Spiegelung werden vielleicht mehrere Bildebenen. Bei einer Silhouette interessiert dich nicht mehr nur die Kontur, sondern auch Körpersprache und Beziehung zu anderen Figuren. Statt nach dem offensichtlichsten Beispiel zu suchen, beginnst du innerhalb eines Themas Variationen und eigene Lösungen zu entdecken.

Was möchtest du immer wieder fotografieren?

Wiederholung hilft dir außerdem dabei herauszufinden, was dich fotografisch interessiert. Wenn du regelmäßig fotografierst und deine Bilder später anschaust, wirst du feststellen, dass bestimmte Motive oder Situationen immer wieder auftauchen. Vielleicht fotografierst du häufig Menschen, die allein unterwegs sind. Vielleicht interessieren dich Gesten und Beziehungen, Schaufenster, Haltestellen, Licht und Schatten oder Menschen innerhalb großer architektonischer Räume. Manche dieser Muster fallen dir während des Fotografierens womöglich gar nicht auf. Rückblickend können sie jedoch Hinweise geben. Sie zeigen, wohin dein fotografischer Blick immer wieder wandert. Aus solchen Wiederholungen können Themen entstehen, daraus Serien und irgendwann vielleicht längerfristige Projekte. Manchmal erkennen wir erst im Archiv, dass wir uns längst mit etwas beschäftigen, das wir bisher nie bewusst als Thema formuliert haben.

Nicht nur was du fotografierst, wiederholt sich

Mindestens genauso interessant ist die Frage, wie du fotografierst.

  • Wie nah gehst du an Menschen heran?

  • Fotografierst du sie direkt oder eher indirekt?

  • Sind Gesichter wichtig für deine Bilder oder arbeitest du häufig mit Silhouetten, Rückenansichten oder Spiegelungen?

  • Bewegst du dich mitten hinein in eine Situation oder beobachtest du lieber aus etwas Abstand?

Auch dein Bildaufbau verrät viel. Vielleicht sind deine Bilder eher ruhig und reduziert. Vielleicht suchst du komplexe Szenen mit vielen Informationen und mehreren Ebenen. Vielleicht bevorzugst du bestimmte Perspektiven oder wiederkehrende Formen der Komposition. Solche Entscheidungen formen mit der Zeit deine fotografische Handschrift. Häufig ist sie schon vorhanden, bevor wir selbst genau benennen können, worin sie besteht.

Geh zurück in dein Archiv

Deshalb gehört zu dieser Aufgabe nicht nur das Fotografieren, sondern auch der Blick zurück. Nimm dir einmal ältere Streetfotos vor – und zwar nicht nur deine besten. Schau dir größere Mengen an Bildern an und suche weniger nach einzelnen Höhepunkten als nach Mustern.

  • Welche Motive ziehen sich durch dein Archiv?

  • Welche Bildaufbauten verwendest du häufig?

  • Wie integrierst du Menschen?

  • Welche Situationen scheinen dich anzuziehen?

  • Was fotografierst du heute anders als vor einigen Jahren?

Das Archiv kann dir dadurch zweierlei zeigen: deine Entwicklung und deine Gewohnheiten. Möglicherweise stellst du fest, dass du Menschen fast immer aus derselben Entfernung fotografierst oder bestimmte Gestaltungsmittel automatisch einsetzt. Dann liefert die Wiederholung nicht nur Bestätigung, sondern auch einen Ansatzpunkt für Veränderung.

Wiederholen bedeutet nicht kopieren

Bei dieser Aufgabe geht es nicht darum, exakt dasselbe noch einmal zu machen. Wiederholung sollte Entwicklung ermöglichen. Wenn du eine frühere Aufgabe erneut aufgreifst, stelle dir vorher eine zusätzliche Frage: Was möchte ich diesmal anders oder besser machen? Wenn du dich beim Thema Geometrie bisher vor allem mit Fassaden und grafischen Strukturen beschäftigt hast, versuche diesmal, Menschen stärker in diese Ordnung einzubeziehen. Hast du bei Silhouetten überwiegend einzelne Personen fotografiert, kannst du gezielt nach komplexeren Szenen mit mehreren Figuren suchen. Und wenn du beim Thema Nähe festgestellt hast, dass du trotz der Aufgabe meist auf sicherer Distanz geblieben bist, könnte genau dort dein nächster Schritt liegen. Das Thema bleibt gleich. Deine Auseinandersetzung damit geht weiter.

Und wenn du Wiederholung ganz wörtlich nehmen möchtest …

Du kannst das Thema auch direkt zum Motiv machen und auf der Straße nach visuellen Wiederholungen suchen: Formen, Farben, Fenster, Säulen, Schatten, Schilder, Kleidungsstücke, Gesten oder Menschen in ähnlichen Positionen. Stehen mehrere Personen fast identisch an einer Haltestelle, entsteht bereits durch ihre Anordnung ein Muster. Taucht eine bestimmte Farbe an verschiedenen Stellen innerhalb der Komposition auf, können diese Wiederholungen das Bild zusammenhalten. Und bilden Fenster, Straßenmarkierungen oder andere grafische Elemente einen Rhythmus, kann ein einzelner Mensch diesen aufgreifen, verstärken oder bewusst unterbrechen.

Besonders interessant wird es dort, wo ein Muster gebrochen wird: Mehrere Menschen schauen in dieselbe Richtung, einer schaut zurück. Eine Reihe dunkler Fenster wird von einem hellen unterbrochen. Zwischen vielen ähnlichen Formen taucht plötzlich etwas anderes auf. Gerade solche Abweichungen erzeugen Spannung und schärfen zugleich deinen Blick für Muster, Beziehungen und Brüche.


Der Reiz und Wert von Wiederholung

Ein Ort, eine Technik, eine Uhrzeit oder ein Motiv: Es gibt viele Möglichkeiten, wie du durch Wiederholung dein Auge und deine Fähigkeiten als Streetfotogtaf schärfen kannst.

Du möchtest Feedback zu deinen Street-Bildern?

Mit den Unterstützern von “Abenteuer Reportagefotografie” veranstalten wir regelmäßige Bildbesprechungen bei Zoom.

Dabei bekommst du konstruktives Feedback zu deinen eingereichten Street-Bildern und lernst aus den Diskussionen mit den anderen.