"Frankfurt ungeschminkt": Denis Unger über das Bahnhofsviertel, Respekt in der dokumentarischen Fotografie und wie aus dem Langzeitprojekt ein Buch wurde

Bild aus “Frankfurt ungeschminkt” © Denis Unger

In dieser Folge spricht Fotograf und Autor Denis Unger über sein Buch „Frankfurt ungeschminkt“* – ein dokumentarisches Langzeitprojekt, das ihn zurück an die Orte seiner Jugend im Frankfurter Bahnhofsviertel und Gallus geführt hat und dabei persönliche Biografie, soziale Realität und fotografisches Erzählen miteinander verbindet.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel gilt vielen als Problemzone. Drogen, Prostitution, Gewalt – oft reduziert sich der Blick auf Schlagzeilen und Sensationsbilder. Mit seinem Buch „Frankfurt ungeschminkt“ versucht Denis Unger genau diesen Blick aufzubrechen.

* Diese Folge ist eine Premiere, weil ich zum ersten Mal einen Podcast nicht im Studio oder im Café, sondern direkt unterwegs auf den Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels sowie im Gallus aufgenommen habe – genau an den Orten, an denen auch viele Bilder und Geschichten aus „Frankfurt ungeschminkt“ entstanden sind.

In diesem Interview geht es um die folgende Themen:

  • Die Entstehung von „Frankfurt ungeschminkt“

  • Denis Ungers persönliche Verbindung zum Gallus und Bahnhofsviertel

  • Das Bahnhofsviertel zwischen Alltag, Drogenmilieu und Hochhäusern

  • Dokumentarische Fotografie statt voyeuristischer Street Photography

  • Respekt und Verantwortung beim Fotografieren

  • Gespräche, Vertrauen und Nähe als Teil fotografischer Arbeit

  • Zufall, Wiederholung und Langzeitbeobachtung im kreativen Prozess

  • Die Verbindung von Fotografie und autobiografischen Texten

  • Bücher als bewusster Gegenpol zu schnellen Bildströmen

  • Sichtbarkeit, Identität und gesellschaftliche Randbereiche

  • Die Geschichte des homosexuellen Pfarrers Nulf Schade-James als Beispiel für gesellschaftlichen Wandel und Akzeptanz

 
Das Buch heißt zwar ‘Frankfurt ungeschminkt’, aber es heißt nicht respektlos.
— Denis Unger
 

Das Frankfurter Bahnhofsviertel taucht oft dann in der öffentlichen Wahrnehmung auf, wenn über Drogen, Kriminalität oder soziale Probleme gesprochen wird. Genau dort setzt das Gespräch mit Denis Unger an – allerdings nicht mit einer distanzierten Beobachterperspektive, sondern aus einer persönlichen Nähe heraus. Viele der Orte, über die wir sprechen, kennt Denis seit seiner Jugend. Das Gallus und das Bahnhofsviertel sind für ihn keine Kulisse, sondern Teil seiner eigenen Geschichte.

Das merkt man auch daran, wie das Projekt entstanden ist. Ursprünglich wollte Denis ein Buch über Street Photography in Deutschland machen. Mit der Zeit verschob sich der Fokus jedoch zunehmend auf Frankfurt und auf die Orte, die ihn geprägt haben. Irgendwann wurde daraus kein allgemeines Fotoprojekt mehr, sondern ein sehr persönliches dokumentarisches Langzeitprojekt.

Im Gespräch beschreibt Denis, dass ihn dabei vor allem gestört hat, wie häufig über das Bahnhofsviertel gesprochen wird – meist von außen, oft reduziert auf Schlagzeilen oder Klischees.

Sein Buch „Frankfurt ungeschminkt“ versucht stattdessen, näher an die Menschen und ihre Lebensrealitäten heranzukommen.

Es gibt so viele Bücher über das Bahnhofsviertel […] aber da wird immer von außen erzählt, nie von innen heraus.
— Denis Unger

Bild aus “Frankfurt ungeschminkt” © Denis Unger

Das Buch verbindet Fotografien mit Erinnerungen, Gesprächen und autobiografischen Texten. Viele Bilder sind nicht aus einer gezielten Jagd nach Motiven entstanden, sondern aus Begegnungen auf der Straße, aus Gesprächen und aus Situationen, die sich erst über Zeit entwickelt haben.

Auch diese Podcast-Folge ist in diesem Zusammenhang entstanden: nicht im Studio, sondern direkt unterwegs im Bahnhofsviertel – an den Orten, über die wir sprechen und an denen viele Bilder aus dem Buch entstanden sind.

Vom Street-Photography-Buch zum persönlichen Langzeitprojekt

Am Anfang stand eigentlich eine andere Idee. Denis erzählt im Gespräch, dass er zunächst ein Buch über Street Photography in Deutschland machen wollte. Er war viel unterwegs, fotografierte auf der Straße und dachte über ein Projekt nach, das verschiedene Orte und Eindrücke zusammenführen sollte.

Dann kam eine längere Phase mit gesundheitlichen Problemen, in der sich vieles verändert hat. Denis spricht über mehrere Operationen und einen langen Krankenhausaufenthalt. In dieser Zeit begann sich auch sein Blick auf das Projekt zu verschieben. Die ursprüngliche Idee trat immer weiter in den Hintergrund.

Irgendwann wurde ihm klar, dass er nicht über irgendeinen Ort sprechen wollte, sondern über Frankfurt. Über das Gallus. Über das Bahnhofsviertel. Über Orte, die mit seiner eigenen Biografie verbunden sind.

Er beschreibt diesen Moment nicht als große strategische Entscheidung, sondern eher als langsame Erkenntnis. Das Projekt wurde persönlicher. Und damit veränderte sich auch die Art zu fotografieren.

Statt möglichst viele einzelne Street-Photography-Momente zu sammeln, begann Denis über längere Zeit immer wieder dieselben Straßen und Orte aufzusuchen. Viele Bilder entstanden dabei nicht geplant, sondern aus Situationen heraus, die sich erst vor Ort entwickelt haben.

Immer wieder taucht dabei im Gespräch die Idee auf, Frankfurt nicht aus der Distanz zu fotografieren. Denis beschreibt, dass ihn an vielen Darstellungen des Bahnhofsviertels stört, wie stark sie von außen auf das Viertel schauen. Er betont auch, wie sich im Laufe des Projekts sein Verständnis von Fotografie verändert hat. Weg von der Suche nach dem einzelnen „starken“ Bild – hin zu einem längeren Prozess des Beobachtens, Zuhörens und Wiederkommens.

Frankfurt zwischen Hochhäusern, Hinterhöfen und Bahnhofsviertel

Bild aus “Frankfurt ungeschminkt” © Denis Unger

Während des Gesprächs laufen wir gemeinsam durch unterschiedliche Teile des Viertels. Vom Hauptbahnhof geht es über die Münchner Straße, die Moselstraße und die Weserstraße bis hinein ins Rotlichtmilieu und später weiter ins Gallus. Dabei wird deutlich, wie nah Gegensätze in Frankfurt beieinanderliegen. Schon zu Beginn beschreibt Denis die Münchner Straße als einen Ort, an dem unterschiedlichste Kulturen und Lebensrealitäten aufeinandertreffen.

Hier trifft sich jede Religion, eigentlich jede Nationalität.
— Denis Unger

Gleichzeitig erzählt er von Orten, die sich verändert haben, und anderen, die seit Jahrzehnten fast unverändert geblieben sind. Kneipen wie das „Moseleck“ oder das „Saint Tropez“ tauchen im Gespräch genauso auf wie neue Weinbars, Einkaufszentren oder Szenetreffs. Immer wieder geht es dabei auch um Erinnerung – darum, wie sich ein Ort verändert und gleichzeitig doch derselbe bleibt. Besonders deutlich wird das, wenn Denis beschreibt, wie er nach vielen Jahren wieder bestimmte Orte betreten hat.

Du kommst da rein und du bist plötzlich in einer Zeitmaschine.
— Denis Unger

Das Bahnhofsviertel erscheint im Gespräch nie als einheitlicher Ort. Stattdessen beschreibt Denis immer wieder verschiedene Übergänge innerhalb weniger Straßen: zwischen Arm und Reich, zwischen Geschäftswelt und Drogenmilieu, zwischen Alltag und Ausnahmezustand. So erzählt er beispielsweise, dass die Kaiserstraße traditionell immer etwas „gehobener“ gewesen sei, während andere Straßen stärker vom Drogenkonsum oder Rotlicht geprägt werden. Gleichzeitig liegen all diese Bereiche direkt nebeneinander.

Immer wieder geht es dabei auch um die Frage, wie schnell sich der Blick von außen auf solche Orte vereinfacht. Denis spricht mehrfach davon, dass das Viertel häufig nur auf seine Probleme reduziert wird, obwohl dort gleichzeitig Familien leben, Menschen arbeiten und ganz normale Alltagsmomente stattfinden. In äergert es, wenn das Bahnhofsviertel in den Medien ausschließlich als gefährlicher Ort dargestellt wird.

Es ist schlimm, was da abgeht, aber nur mit dem Finger pauschal drauf zu halten, ist das Falscheste, was es gibt.
— Denis Unger

Der Fokus verschiebt sich immer wieder weg von einzelnen Schlagzeilen hin zu konkreten Situationen und Begegnungen. Nicht das Spektakuläre steht im Mittelpunkt, sondern die Atmosphäre eines Viertels, das gleichzeitig laut, widersprüchlich, anstrengend und alltäglich sein kann. Viele Geschichten entstehen dabei direkt aus dem Ort heraus: weil Denis an einer Ecke stehen bleibt, sich an jemanden erinnert oder plötzlich erzählt, was dort früher einmal war.

Gespräche statt schneller Bilder

Denis sagt, wie wichtig es für ihn geworden ist, offen auf Menschen zuzugehen. Besonders geprägt habe ihn dabei seine Zeit in Irland. Dort habe er gelernt, Hemmungen abzubauen und Menschen direkter anzusprechen.

Was sollen sie denn machen? Sie können nicht mehr sagen wie nein.
— Denis Unger

Inzwischen versteht Denis diesen direkten Kontakt als festen Bestandteil seiner fotografischen Arbeit. Es geht ihm nicht darum, möglichst unauffällig Bilder „mitzunehmen“, sondern um echte Begegnungen. Deshalb spricht er auch mehrfach darüber, wie wichtig Ehrlichkeit dabei ist. Wenn er fotografiert, erklärt er den Menschen, warum er fotografiert und woran er arbeitet: „Nur dadurch bekommst du dann auch wahrscheinlich diesen Respekt.“

Gerade im Bahnhofsviertel spielt das für ihn eine große Rolle. Viele Menschen dort seien es gewohnt, beobachtet oder fotografiert zu werden – oft ohne gefragt zu werden. Das sei der Grunde, warum ihn voyeuristische Formen der Straßenfotografie zunehmend stören. Stattdessen wünscht er sich eine stärkere Reflexion über die eigene Motivation:

Macht euch auch mal Gedanken, für was wollt ihr das fotografieren?
— Denis Unger

Dabei geht es ihm weniger um ein generelles Verbot des Fotografierens, sondern um den eigenen Antrieb. Die Menschen im Viertel seien sich ihrer Situation sehr bewusst, betont er: „Die finden das alle nicht geil. Die finden das alles ziemlich scheiße.“

Deshalb entscheidet er sich bei manchen Bildern bewusst dafür, Gesichter unkenntlich zu machen oder bestimmte Situationen nicht zu veröffentlichen. Auch darüber spricht er sehr offen: „Das Buch heißt zwar ‘Frankfurt ungeschminkt’, aber es heißt nicht respektlos.“

Bild aus “Frankfurt ungeschminkt” © Denis Unger

Bild und Text als gemeinsames Erzählen

Für Denis war „Frankfurt ungeschminkt“ nie als reiner Bildband gedacht. Die Fotografien sollten nicht allein stehen. Deshalb spielen Texte im Buch eine ebenso wichtige Rolle. Denis verknüpft die Fotografien mit autobiografischen Erinnerungen, kurzen Beobachtungen und Situationen aus seiner eigenen Vergangenheit im Gallus und Bahnhofsviertel. Er beschreibt, dass sich das Projekt dadurch Schritt für Schritt verändert hat. Aus einzelnen Fotografien wurde nach und nach eine persönliche Erzählung über Orte, Menschen und Erinnerungen.

Die Texte entstanden dabei nicht losgelöst von den Bildern, sondern parallel dazu. Viele Situationen im Buch werden erst durch die Verbindung beider Ebenen verständlich: Fotografien zeigen Orte oder Menschen, während die Texte Erinnerungen, Gedanken oder Hintergründe ergänzen. Denis sagt, dass ihn reine Bildunterschriften oder zu eindeutige Erklärungen oft stören. Texte sollen für ihn Bilder nicht „auflösen“ oder ihnen eine feste Bedeutung geben. Deshalb bleiben viele Texte eher beobachtend. Manche wirken fast wie Erinnerungsfragmente oder kleine Momentaufnahmen. So entsteht kein linear erzähltes Buch, sondern eher eine Sammlung von Begegnungen, Bildern und Gedanken, die miteinander verbunden sind.

Dabei geht es auch um Dauerhaftigkeit. Denis beschreibt das Buch als etwas Physisches, das unabhängig von Social Media oder schnellen Bildströmen existieren soll. Nicht einzelne Bilder stehen im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel aus Fotografien, Texten und der Atmosphäre des gesamten Projekts. Auch die Lesungen zum Buch spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle. Denis erzählt, dass viele Besucher danach gesagt hätten, sie würden das Bahnhofsviertel nun anders wahrnehmen als zuvor.

Sichtbarkeit, Kirche und die Geschichte von Pfarrer Nulf Schade-James

Am Ende unseres Spaziergangs treffen wir Pfarrer Nulf Schade-James von der evangelischen Kirchengemeinde im Gallus. Denis kennt ihn nicht erst seit dem Buchprojekt. Beide verbindet das Gallus seit vielen Jahren. Nulf erzählt, dass er dort bereits seit 1989 als Pfarrer tätig ist. Als er damals ins Viertel kam, sprach sich seine offene Homosexualität schnell herum: „Es war natürlich ein Lauffeuer, ein schwuler Pfarrer.“ In den späten 80er- und frühen 90er-Jahre herrschte eine andere Atmosphäre im Stadtteil. Offen homophobe Kommentare und Vorurteile waren damals keine Seltenheit

Nulfs Weg in die Kirche begann schon sehr früh. Mit 13 habe er beschlossen, Pfarrer zu werden. Damals, sagt er, habe er über seine eigene Sexualität noch gar nicht bewusst nachgedacht. Während seines Studiums sei ihm dann jedoch früh klargemacht worden, dass Homosexualität innerhalb der Kirche nicht akzeptiert war. Nulf beschreibt, wie lange dieser Konflikt Teil seines Lebens gewesen sei. Erst Anfang der 80er habe er für sich selbst akzeptiert, homosexuell zu sein. Heute sagt er: „Ich bin es und ich bin es gerne.“

Anfang der 90er lernte er seinen heutigen Mann James kennen. Einige Jahre später heirateten beide kirchlich – damals noch gegen die offizielle Linie der Kirche. Nulf betont, dass sein Leben zwangsläufig politisch geworden sei, weil Sichtbarkeit und Akzeptanz immer wieder erkämpft werden mussten.

Ich wollte die Akzeptanz in Deutschland, ich wollte die Akzeptanz in meiner Kirche.
— Nulf Schade-James

Er erzählt von Demonstrationen, vom Christopher Street Day und davon, wie die Gemeinde irgendwann selbst als Kirchengemeinde beim CSD mitlief. Über die Jahre hat sich viel verändert. Inzwischen organsiert Nulf auch Gottesdienste, die früher undenkbar gewesen wäre – darunter ein Drag-Gottesdienst in der Kirche sowie ein ABBA-Gottesdienst. Die Begegnung mit Nulf noch einmal eine andere Perspektive auf das Gallus und auf Frankfurt insgesamt: als Ort gesellschaftlicher Veränderungen, persönlicher Geschichten und unterschiedlicher Lebensrealitäten, die seit Jahrzehnten nebeneinander existieren.

Pfarrer Nulf Schade-James auf dem CSD © Denis Unger

Pfarrer Nulf Schade-James bei einem Gottesdienst in seiner Kirchengemeinde im Gallus © Denis Unger


Über Denis Unger

Denis Unger ist Fotograf und Autor aus Frankfurt. Mit seinem Buch „Frankfurt ungeschminkt“ dokumentiert er das Bahnhofsviertel und das Gallus aus einer persönlichen Perspektive zwischen Street Photography, Reportage und autobiografischem Erzählen.

Neben fotografischen Projekten arbeitet er auch an literarischen Stoffen und dokumentarischen Langzeitprojekten.


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Kai Behrmann

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