Andreas Jorns: Neuer Bildband “UNSEEN” – und warum Fotografie manchmal wie Pizza ist

Der Bildband „Unseen“ von Andreas Jorns versammelt Porträts aus rund fünfzehn Jahren fotografischer Arbeit – Bilder, die lange im Archiv lagen und bisher nie veröffentlicht wurden. Statt eines klassischen „Best-of“ zeigt das Buch bewusst Arbeiten, die erst mit zeitlichem Abstand wiederentdeckt wurden.

Andreas Jorns gehört zu den prägenden Stimmen der Porträtfotografie in Deutschland. In seinem neuen Bildband "UNSEEN" blickt er auf fünfzehn Jahre fotografische Arbeit zurück – allerdings nicht mit einem klassischen „Best-of“, sondern mit bislang unveröffentlichten Bildern aus seinem Archiv.

Im Gespräch erzählt Andreas, warum ihn die Arbeit im Archiv überraschend stark zu seinen fotografischen Ursprüngen zurückgeführt hat. Es geht um kreative Prozesse, um die Rolle von Zeit in der Kunst, um neue Projekte – und um die Frage, wie sich Fotografie in einer Zeit verändert, in der künstliche Intelligenz immer stärker in kreative Prozesse eingreift.

Das hat so etwas eingeläutet bei mir – ein bisschen weg von den klassischen Porträts, womit ich mich eigentlich in den letzten fünfzehn Jahren überwiegend befasst habe.
— Andreas Jorns
 

Vom klassischen Porträt zu neuen fotografischen Wegen

Andreas Jorns beschreibt seine aktuelle fotografische Phase nicht als Bruch mit dem, was er bislang gemacht hat, sondern eher als langsame Verschiebung. Porträts bleiben für ihn zentral, sie gehören weiterhin zu seinem Kern. Zugleich wird im Gespräch deutlich, dass er sich von der reinen, anlasslosen Porträtfotografie ein Stück weit entfernt.

Schon mit dem Bildband “Im Jahr des Drachen” hat sich dieser Wandel angedeutet. Dort begann er, klassische Porträts mit anderen Formen der Bildsprache zu verbinden, etwa mit Elementen aus Street Photography, Reportage und freierer Beobachtung. Es geht nicht darum, die eigene fotografische Identität abzulegen, sondern sie zu erweitern. 

Andreas sagt, dass Porträts zwar zu seiner fotografischen DNA gehören, er aber zunehmend infrage stellt, ob es auf Dauer bei jener Form von Porträt bleiben soll, die seine Arbeit über viele Jahre geprägt hat. Ihn zieht es stärker in Richtungen, in denen sich Porträt, Dokumentation und Reportage überlagern. Dabei interessiert ihn gerade das Dazwischen: Bilder, die zwar weiterhin mit Menschen zu tun haben, aber nicht mehr sofort als klassisches Porträt lesbar sind. Er sucht offenbar nach Formen, in denen Begegnung, Raum, Atmosphäre und Thema enger zusammenrücken. 

Andreas beschreibt diesen Prozess ausdrücklich nicht als Revolution. Er spricht von einer Evolution. Keine hastige Neuerfindung oder ein kalkulierter Stilwechsel, um etwas anderes zu machen als zuvor. Vielmehr ist die Entwicklung aus einer längeren inneren Bewegung heraus gewachsen. Seine früheren Arbeiten, die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Archiv, die Erfahrungen der letzten Jahre und die bewusste Auseinandersetzung mit neuen Themen haben ihn Schritt für Schritt an diesen Punkt geführt. 

Dazu kommt, dass Jorns in der Porträtfotografie zwar weiterhin ein enormes Potenzial sieht, dieses aber offenbar anders nutzen möchte als früher. Ihn interessieren weniger prominente Namen oder repräsentative Oberflächen, sondern Menschen mit Geschichte, Reibung und innerer Dichte. Das erklärt auch, warum ihn künftig Projekte reizen, in denen das Porträt nicht Selbstzweck ist, sondern Teil eines größeren erzählerischen Zusammenhangs wird. Genau hier öffnet sich seine Arbeit in Richtung einer Fotografie, die nicht nur zeigt, wie jemand aussieht, sondern stärker danach fragt, in welchem Zusammenhang dieser Mensch steht, welche Geschichte mitschwingt und welche Wirklichkeit sich hinter dem Sichtbaren andeutet.

Der neue Bildband: Eine Reise ins eigene Archiv

Der Bildband “UNSEEN” entstand aus einem Prozess, der zunächst gar nicht als neues Buchprojekt geplant war. Ausgangspunkt war vielmehr eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Archiv. Wie viele Fotografen hatte auch Andreas über Jahre hinweg eine enorme Menge an Bildern angesammelt – Aufnahmen aus Porträtsessions, Projekten, Begegnungen und Reisen. Doch ein großer Teil dieser Bilder war nie veröffentlicht worden. Manche waren in der Auswahl damals durch das Raster gefallen, andere hatten schlicht keinen passenden Kontext gefunden.

Als Andreas begann, sich systematisch durch dieses Archiv zu arbeiten, wurde ihm erst richtig bewusst, wie viele Arbeiten dort noch verborgen lagen. Es waren Bilder, die nicht unbedingt schlechter waren als die bekannten Arbeiten aus seinen Büchern, Ausstellungen oder Veröffentlichungen. Sie hatten nur aus unterschiedlichen Gründen nie ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Genau daraus entstand schließlich die Idee zu “UNSEEN”: ein Bildband, der sich bewusst auf diese bislang ungesehenen Arbeiten konzentriert.

Ich bin sehr tief in mein Archiv hinabgestiegen und habe festgestellt: Es gibt eine ganze Menge Bilder, die nie in einer meiner Publikationen gelandet sind.
— Andreas Jorns

Der Ansatz unterscheidet sich deutlich von klassischen Fotobüchern, die häufig als Retrospektive angelegt sind. Viele Fotografen greifen bei solchen Projekten zu ihren bekanntesten Bildern – zu jenen Fotografien, die bereits publiziert, ausgestellt oder vielfach reproduziert wurden. Andreas entschied sich bewusst gegen diesen Weg. Ihn interessierte gerade das Material, das im Hintergrund geblieben war. Bilder, die vielleicht nie Teil eines großen Projekts waren, aber dennoch eine eigene Qualität besitzen.

Dabei entstand ein spannender Effekt: Die erneute Sichtung alter Arbeiten wurde zu einer Art Zeitreise durch die eigene fotografische Entwicklung. Beim Durchgehen der Bilder tauchten Erinnerungen an Begegnungen, Situationen und Arbeitsphasen wieder auf. Manche Fotografien wirkten heute anders als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Andere hatten erst mit zeitlichem Abstand ihre eigentliche Stärke entfaltet.

Gerade diese zeitliche Distanz spielt für Andreas eine wichtige Rolle. Wenn ein Fotograf ein Bild unmittelbar nach seiner Entstehung beurteilt, ist der Blick oft noch stark von der Situation selbst geprägt – von Erwartungen, Enttäuschungen oder vom Vergleich mit anderen Aufnahmen aus derselben Serie. Erst Jahre später lässt sich ein Bild häufig freier betrachten. Die ursprünglichen Umstände treten in den Hintergrund, und das Foto muss stärker für sich selbst sprechen.

Aus diesem Prozess heraus entwickelte sich schließlich die Auswahl für den Bildband. Am Ende entstand eine Sammlung von rund 170 Porträts, ergänzt durch weitere fotografische Arbeiten, die den Rhythmus des Buches erweitern. “UNSEEN” ist deshalb nicht nur eine Sammlung einzelner Bilder, sondern auch eine Art Dialog zwischen verschiedenen Momenten aus Andreas’ fotografischem Leben. Bilder aus unterschiedlichen Zeiten treten miteinander in Beziehung und eröffnen eine neue Perspektive auf sein Werk.

Gerade darin liegt eine der interessantesten Qualitäten des Buches: Es zeigt nicht nur einzelne Fotografien, sondern auch den langen Weg eines Fotografen durch seine eigene Bildwelt.

Archivarbeit als kreativer Prozess

Für Andreas war die Arbeit am Archiv weit mehr als eine technische oder organisatorische Aufgabe. Sie entwickelte sich zu einem überraschend intensiven kreativen Prozess. Wenn man über Jahre oder sogar Jahrzehnte fotografiert, entsteht zwangsläufig ein riesiger Bestand an Bildern. Ein Großteil davon verschwindet zunächst im Archiv – nicht unbedingt, weil die Fotos schwach sind, sondern weil sie im Moment ihrer Entstehung keinen Platz in einem konkreten Projekt oder einer Veröffentlichung finden.

Als Andreas begann, sich systematisch durch diesen Bestand zu arbeiten, wurde ihm schnell klar, dass ein Archiv nicht nur eine Ablage ist, sondern auch eine Art Gedächtnis der eigenen fotografischen Entwicklung. Jedes Bild ist mit einer Situation verbunden: einer Begegnung, einem Ort, einer bestimmten Phase im Leben. Beim erneuten Betrachten tauchen diese Erinnerungen wieder auf – manchmal sehr klar, manchmal nur als diffuse Stimmung.

Mir ist wieder eingefallen, warum ich das überhaupt gemacht habe – wegen der Menschen.
— Andreas Jorns

Dabei stellte sich für ihn immer wieder dieselbe Frage: Spricht dieses Bild heute noch zu mir? Hat es auch Jahre später noch eine Kraft, eine Präsenz oder eine Bedeutung? Diese zeitliche Distanz verändert den Blick auf Fotografien oft erheblich. Bilder, die früher vielleicht unspektakulär wirkten, können plötzlich eine neue Qualität bekommen. Andere verlieren hingegen an Bedeutung, wenn man sie mit Abstand betrachtet.

Gerade diese Neubewertung ist ein zentraler Teil des kreativen Prozesses. Ein Archiv zwingt Fotografen dazu, sich mit der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen – nicht nur mit den bekannten Bildern, sondern auch mit jenen Aufnahmen, die lange unbeachtet geblieben sind. In diesem Sinne wird Archivarbeit zu einer Form der Selbstreflexion. Man erkennt Muster, wiederkehrende Themen oder bestimmte visuelle Entscheidungen, die sich über Jahre hinweg durchziehen.

Für Andreas hatte dieser Prozess noch eine weitere, fast emotionale Wirkung. Während er sich durch alte Porträts arbeitete, erinnerte er sich immer wieder an die Menschen, denen er begegnet war. An Gespräche, an Situationen während der Shootings, an kleine Details, die damals wichtig waren. Diese Rückkehr zu den ursprünglichen Begegnungen führte ihm erneut vor Augen, warum er überhaupt mit Porträtfotografie begonnen hatte.

Die Arbeit am Archiv wurde dadurch zu einer Art Rückbesinnung. Sie erinnerte ihn daran, dass seine Fotografie immer stark von menschlichen Begegnungen geprägt war. Genau darin liegt für ihn bis heute der eigentliche Kern seiner Arbeit: nicht in der Technik, nicht im Stil, sondern in der Beziehung zwischen Fotograf und fotografierter Person.

Warum die Sequenzierung eines Bildbands entscheidend ist

Wenn ein Fotograf ein Fotobuch zusammenstellt, geht es nicht nur um die Auswahl der einzelnen Bilder. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, in welcher Reihenfolge diese Bilder erscheinen. Genau hier sieht Andreas einen der entscheidenden Schritte im gesamten Prozess eines Bildbands.

Ein einzelnes Foto kann stark sein. Doch ein Buch entsteht erst durch die Beziehung der Bilder zueinander. Bilder beginnen miteinander zu sprechen, sie verstärken sich, widersprechen sich oder öffnen neue Bedeutungen. Diese Dynamik entsteht nicht zufällig, sondern durch eine bewusste Sequenzierung.

Andreas beschreibt diesen Prozess gerne mit einem Vergleich aus der Filmwelt. Beim Film entsteht die eigentliche Wirkung nicht allein während der Dreharbeiten, sondern später im Schneideraum. Erst dort entscheidet sich, wie eine Geschichte erzählt wird, welche Szenen aufeinander folgen und wie Rhythmus und Dramaturgie entstehen. Für Fotobücher gilt im Grunde dasselbe Prinzip. Die Bilder sind das Rohmaterial – die eigentliche Erzählung entsteht erst durch ihre Anordnung.

Der eigentliche Film entsteht im Schnittraum – und beim Bildband ist es genauso.
— Andreas Jorns

Diese Arbeit kann sehr zeitintensiv sein. Oft werden Bilder immer wieder neu sortiert, verschoben oder ganz entfernt. Ein Foto kann in einer bestimmten Position hervorragend funktionieren, an anderer Stelle jedoch völlig an Wirkung verlieren. Gleichzeitig können zwei Bilder nebeneinander plötzlich eine neue Bedeutungsebene erzeugen, die vorher gar nicht sichtbar war.

Andreas vergleicht diesen Prozess auch mit einem Musikalbum. Ein Album besteht nicht einfach aus einer Sammlung einzelner Songs. Die Reihenfolge der Stücke beeinflusst stark, wie das gesamte Werk wahrgenommen wird. Ein ruhiger Song kann nach einem intensiven Stück eine ganz andere Wirkung entfalten, als wenn er isoliert steht. Genau diese Art von Rhythmus interessiert ihn auch bei Fotobüchern.

Im Fall von “UNSEEN” spielte diese Sequenzierung eine besonders große Rolle, weil die Bilder aus unterschiedlichen Zeiten stammen. Sie mussten so miteinander verbunden werden, dass sie als zusammenhängendes Werk funktionieren. Das bedeutet auch, dass der Bildfluss bewusst gestaltet wird: mit Momenten der Verdichtung, mit ruhigeren Passagen und mit Übergängen, die den Leser durch das Buch führen.

Am Ende entsteht so etwas wie eine visuelle Dramaturgie. Ein Fotobuch wird dadurch nicht nur zu einer Sammlung von Bildern, sondern zu einer Erfahrung, die sich Seite für Seite entfaltet. Genau darin liegt für Andreas die eigentliche Magie eines Bildbands.

Warum Zeit der wichtigste Faktor in der Fotografie ist

Ein Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch mit Andreas: Gute Fotografie braucht Zeit. Nicht nur im Moment der Aufnahme, sondern auch davor und danach. Zeit, um ein Thema zu entwickeln. Zeit, um Bilder wirken zu lassen. Und Zeit, um zu erkennen, welche Fotografien wirklich Bestand haben.

Andreas beschreibt diesen Gedanken mit einem einfachen Vergleich aus der Küche. Die Zutaten einer Pizza können identisch sein – Mehl, Wasser, Hefe, Salz. Trotzdem schmeckt eine Pizza ganz anders, je nachdem, wie viel Zeit der Teig bekommt. Ein Teig, der langsam reifen darf, entwickelt eine ganz andere Struktur und Tiefe als einer, der schnell verarbeitet wird. Genau so sieht er auch kreative Prozesse.

Die Zutaten können exakt die gleichen sein. Der Unterschied ist die Zeit.“
— Andreas Jorns

Viele fotografische Arbeiten entstehen heute unter starkem Zeitdruck. Bilder werden produziert, veröffentlicht und unmittelbar bewertet. Oft fehlt der Abstand, der nötig wäre, um eine Arbeit wirklich zu durchdenken. Andreas sieht genau darin ein Problem, denn kreative Ideen entwickeln sich selten im Schnellverfahren. Sie brauchen Phasen der Reifung.

Diese Zeit kann unterschiedliche Formen annehmen. Manchmal bedeutet sie, ein Thema über Jahre hinweg zu verfolgen. In anderen Fällen heißt es, Bilder zunächst ruhen zu lassen, bevor man sie erneut betrachtet. Gerade bei der Arbeit an seinem Archiv hat Andreas erlebt, wie stark sich die Wahrnehmung eines Fotos mit zeitlichem Abstand verändern kann. Manche Bilder entfalten ihre eigentliche Qualität erst Jahre später.

Zeit spielt aber auch im fotografischen Prozess selbst eine Rolle. Besonders in der Porträtfotografie entsteht ein gutes Bild selten sofort. Oft braucht es ein Gespräch, eine Annäherung, eine Phase des gegenseitigen Kennenlernens. Erst wenn diese Beziehung entsteht, kann sich eine Situation entwickeln, in der ein wirklich authentisches Bild möglich wird.

In diesem Sinne ist Zeit für Andreas kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für gute Fotografie. Sie schafft Raum für Beobachtung, für Reflexion und für Entwicklung. Ohne diesen Raum besteht die Gefahr, dass Bilder zwar schnell entstehen – aber ebenso schnell wieder verschwinden.

Kontext statt Erklärung: Die Rolle von Texten im Bildband

In früheren Projekten war Andreas mit Texten in seinen Bildbänden eher zurückhaltend. Dahinter stand eine Überzeugung, die viele Fotografen teilen: Bilder sollten möglichst für sich selbst sprechen. Sobald ein Text zu stark erklärt, kann er die Offenheit eines Fotos einschränken. Der Betrachter beginnt dann, das Bild durch die Worte zu lesen, statt seine eigene Wahrnehmung zu entwickeln.

Mit “UNSEEN” hat sich Andreas diesem Thema jedoch noch einmal neu genähert. Er wollte seinen Bildern nicht einfach erklärende Texte hinzufügen, sondern ihnen einen Kontext geben. Das ist ein entscheidender Unterschied. Kontext bedeutet nicht, dass ein Bild interpretiert oder entschlüsselt wird. Vielmehr geht es darum, dem Leser eine zusätzliche Ebene zu öffnen – eine Verbindung zu der Situation, in der das Bild entstanden ist, oder zu den Gedanken des Fotografen während des Prozesses.

Ich will meine Bilder nicht erklären – aber Kontext liefern.
— Andreas Jorns

Gerade bei Porträts kann dieser Kontext eine besondere Rolle spielen. Hinter jedem Bild steht eine Begegnung: ein Gespräch, eine Stimmung, eine kurze gemeinsame Zeit zwischen Fotograf und fotografierter Person. Diese Momente bleiben im fertigen Bild oft unsichtbar. Ein begleitender Text kann solche Aspekte andeuten, ohne das Bild zu dominieren.

Für Andreas besteht die Herausforderung darin, genau diese Balance zu finden. Die Texte sollen die Bilder nicht erklären und schon gar nicht festlegen, wie sie zu verstehen sind. Stattdessen sollen sie Einblicke geben – kleine Geschichten, Erinnerungen oder Gedanken, die während der Arbeit entstanden sind. Sie funktionieren damit eher wie eine zweite Spur neben den Fotografien.

Im besten Fall entsteht daraus ein Dialog zwischen Bild und Text. Der Leser bewegt sich zwischen beiden Ebenen und kann selbst entscheiden, wie eng er sie miteinander verbindet. Manche Bilder wirken völlig unabhängig vom Text, andere gewinnen durch die zusätzlichen Informationen an Tiefe.

Gerade in einem Buch wie “UNSEEN”, das stark aus Archivarbeit entstanden ist, können solche Texte eine besondere Funktion übernehmen. Sie machen sichtbar, dass Fotografie nicht nur aus einzelnen Bildern besteht, sondern auch aus Begegnungen, Situationen und Erfahrungen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben.

Neue Projekte: Porträt, Dokumentation und gesellschaftliche Themen

Neben der Arbeit am Bildband deutet sich bei Andreas auch inhaltlich eine neue Phase an. Während seine bisherigen Arbeiten stark von der klassischen Porträtfotografie geprägt waren, richtet sich sein Blick zunehmend auf Projekte, die über das einzelne Bild hinausweisen. Menschen stehen weiterhin im Zentrum seiner Arbeit – doch stärker eingebettet in größere Themen und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Diese Verschiebung bedeutet nicht, dass das Porträt für ihn an Bedeutung verliert. Vielmehr verändert sich seine Funktion. Statt isoliert zu stehen, wird es Teil eines größeren narrativen Rahmens. Andreas interessiert sich zunehmend für Arbeiten, in denen Porträts mit dokumentarischen Elementen oder mit thematischen Fragestellungen verbunden werden. Auf diese Weise kann Fotografie nicht nur individuelle Personen zeigen, sondern auch Fragen nach gesellschaftlichen Strukturen, Erfahrungen und Konflikten aufwerfen.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist ein geplantes Projekt, das sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt beschäftigt. Das Projekt entsteht im Kontext des Kirchentags und verfolgt bewusst keinen klassischen journalistischen Ansatz. Andreas plant keine dokumentarische Reportage im engeren Sinn, keine Interviews oder Porträts von Betroffenen im traditionellen Verständnis.

Es wird keine Porträts von Betroffenen geben – sondern eine künstlerische Annäherung an das Thema.
— Andreas Jorns

Stattdessen sucht er nach einer künstlerischen Form der Annäherung an das Thema. Die Fotografien sollen nicht einzelne Geschichten direkt abbilden, sondern eine visuelle Sprache finden, die die Schwere und Komplexität des Themas aufgreift. Es geht ihm darum, eine Bildwelt zu entwickeln, die Raum für Reflexion lässt, ohne die Menschen, um die es geht, erneut in eine exponierte Situation zu bringen.

Gerade diese Herangehensweise zeigt, wie sich seine fotografischen Interessen verschieben. Andreas bewegt sich stärker in Richtung langfristiger Projekte, die gesellschaftliche Themen berühren und über einzelne Aufnahmen hinausreichen. Dabei bleibt sein Blick weiterhin stark von der Begegnung mit Menschen geprägt – doch diese Begegnungen werden zunehmend Teil eines größeren inhaltlichen Zusammenhangs.

Für seine zukünftige Arbeit wird genau diese Verbindung entscheidend sein: Porträtfotografie als Ausgangspunkt, erweitert um dokumentarische Perspektiven und um Themen, die über das einzelne Bild hinausweisen.

Kritischer Blick auf künstliche Intelligenz

Ein weiteres Thema, das im Gespräch eine wichtige Rolle spielt, ist der Umgang mit künstlicher Intelligenz in der Fotografie. Andreas betrachtet diese Entwicklung mit einer gewissen Skepsis. Je intensiver er sich mit generativen Bildsystemen beschäftigt, desto stärker stellt er für sich die Frage, welche Folgen diese Technologien für das Verständnis von Fotografie und für das Vertrauen in Bilder haben könnten.

Dabei geht es ihm weniger um eine pauschale Ablehnung neuer Technologien. Andreas erkennt durchaus an, dass künstliche Intelligenz in vielen Bereichen sinnvolle Anwendungen haben kann – etwa in der Medizin, in wissenschaftlichen Auswertungen oder in der Automatisierung komplexer Prozesse. Seine Kritik richtet sich vor allem auf den Einsatz generativer Systeme im Bereich der Kunst und der Bildproduktion.

Der Kern seiner Sorge betrifft die Beziehung zwischen Bild und Wirklichkeit. Fotografie war historisch immer auch mit dem Versprechen verbunden, einen realen Moment festzuhalten. Natürlich war dieses Verhältnis nie völlig objektiv. Perspektive, Auswahl und Interpretation spielen immer eine Rolle. Dennoch besteht ein grundlegender Unterschied zwischen einem fotografierten Ereignis und einem vollständig synthetisch erzeugten Bild.

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr lehne ich KI in der Kunst ab.
— Andreas Jorns

Wenn Bilder zunehmend von Algorithmen generiert werden, könnte dieses Verhältnis weiter verschwimmen. Für Andreas stellt sich deshalb die Frage, wie sich Vertrauen in Bilder in Zukunft entwickeln wird. Wenn nicht mehr klar erkennbar ist, ob eine Szene tatsächlich fotografiert oder komplett generiert wurde, verändert das möglicherweise auch die Art, wie wir Fotografien lesen und bewerten.

Hinzu kommt für ihn ein weiterer Aspekt: die Rolle der menschlichen Erfahrung im kreativen Prozess. Viele fotografische Arbeiten entstehen aus Begegnungen, aus Beobachtung, aus persönlichen Erlebnissen. Diese Dimension lässt sich nur schwer durch algorithmische Prozesse ersetzen. Fotografie ist für Andreas deshalb nicht nur das Ergebnis eines Bildes, sondern auch das Ergebnis eines Weges – eines Moments, einer Situation, einer Beziehung.

Gerade aus dieser Perspektive bleibt er gegenüber KI-generierten Bildern zurückhaltend. Für ihn liegt der Wert fotografischer Arbeit weiterhin in der Verbindung zwischen realer Erfahrung und visueller Gestaltung. Diese Verbindung macht Fotografie zu mehr als einer reinen Bildproduktion.


Über Andreas Jorns

Andreas Jorns ist Fotograf und Autor mit Schwerpunkt Schwarz/Weiß und Porträtfotografie. In seinen Arbeiten steht die Begegnung mit Menschen im Mittelpunkt – ruhig, konzentriert und geprägt von einem starken Gespür für Licht, Stimmung und Präsenz. Sein aktueller Bildband "UNSEEN" ist bereits sein zehnter – und bildet eine Rückschau auf 15 Jahre.

Neben seiner fotografischen Praxis veröffentlicht er regelmäßig Essays zur Fotografie in seiner Zeitung einBlick und betreibt den Podcast „Radio Jorns“, in dem er Fotografie mit Musik verbindet.


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Kai Behrmann

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