“La Gacilly – Baden Photo 2026”: „So British" – Auftakt mit Fotografen-Legende Sir Don McCullin

Sir Don McCullin führte mit 91 Jahren persönlich durch seine Ausstellung, Brian May zeigt historische Stereobilder, und in der „Kiss Box" landet ein Kuss unter dem Mikroskop: Europas größtes Open-Air-Foto-Fesitval “La Gacilly-Baden Photo 2026” steht unter dem Motto “So British”. Im Gespräch geben die Festivaldirektoren Lois und Silvia Lammerhuber einen Überblick über die wichtigsten Ausstellungen – und verraten, wie sich das Festival immer weiterentwickelt.

Diese unglaubliche Menschlichkeit, diese Unverbogenheit – selbst mit 91, wo er immer noch reflektiert: War das überhaupt richtig, was ich da gemacht habe?
— Lois Lammerhuber über Sir Don McCullin
 

Das größte Open-Air-Fotofestival Europas ist eröffnet: “La Gacilly – Baden Photo” steht 2026 unter dem Motto “So British”. Über vier Monate verwandeln rund 1.500 großformatige Bilder die Parks und Gassen von Baden bei Wien in eine sieben Kilometer lange Galerie – bei freiem Eintritt. Bei den Medientagen zum Auftakt führte unter anderem der 91-jährige Sir Don McCullin persönlich durch seine Ausstellung. Das war einer von vielen Programmpunkten, die zeigen, wie breit das Festival angelegt ist.

Das Festival auf einen Blick

„So British" – worum es 2026 geht

Britische Fotografie versteht sich seit jeher als Chronistin der eigenen Gesellschaft. Charakteristisch sind Humor, ein Hang zur Exzentrik, der Blick fürs Alltägliche und die Verbindung von Fotografie mit gesellschaftlichen Fragen – vom Klassensystem über Seebad, Pub und Fußball bis hin zu Mode, Pop und Krisenreportage.

In diesem Jahr ist das Festival dem Andenken an Martin Parr (1952–2025) gewidmet, der den britischen Alltag über Jahrzehnte in farbintensiven, oft ironischen Bildern dokumentiert hat. Parr starb im Dezember 2025.

“So British” ist allerdings nur ein Teil des Programms. La Gacilly-Baden Photo erzählt traditionell auf mehreren Ebenen: Neben dem Länderschwerpunkt steht regelmäßig der Zustand des Planeten im Mittelpunkt. Britische Gesellschaftsbilder treffen so auf Umwelt- und Naturreportagen aus verschiedenen Ländern.

Die wichtigsten Ausstellungen

Don McCullin: Haltung vor Technik

McCullins Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten haben den Fotojournalismus geprägt. Sein Werk reicht aber weiter und behandelt auch Armut, Ausgrenzung und die Spuren von Gewalt in Menschen und Orten. Bemerkenswert ist seine bis heute selbstkritische Haltung: Mit 91 Jahren stellt er weiterhin die Frage, ob seine Arbeit richtig war. Dieses Hinterfragen gehört für ihn zur Reportagefotografie dazu. Was ein Bild trägt, ist weniger die technische Perfektion als die Haltung gegenüber den Menschen vor der Kamera – Empathie und Ehrlichkeit eingeschlossen.

Mike Taylor, “The Beautiful Game”: die Reaktion als Ereignis

Taylors Serie ordnet sich klar dem britischen Motto unter, überrascht aber im Ansatz: Er fotografiert keine Spieler, sondern Fußballfans in Pubs, während die großen Spiele laufen. Teilweise steht er dabei mit dem Rücken zur Leinwand. Nach eigener Aussage hat er selbst noch nie ein Fußballspiel verfolgt. Diese Distanz zum Thema lenkt den Blick auf das, was ihn interessiert: Gesichter, Gesten und Reaktionen. Das aussagekräftige Bild entsteht oft neben dem naheliegenden Motiv. Wer dorthin schaut, wo andere es nicht tun, erzählt häufig die interessantere Geschichte.

Peter Dench & Josh Edgoose: britische Gesellschaft im öffentlichen Raum

Dench zeigt Menschen beim Feiern – herausgeputzt, ausgelassen, gelegentlich stark betrunken. „Das Land ist kaputt", sagt McCullin über das Großbritannien der Gegenwart; gefeiert wird trotzdem. Beide Arbeiten dokumentieren diese Seite der britischen Lebensart. Auffällig ist die Offenheit im öffentlichen Raum: Fragen nach Persönlichkeitsrechten spielen für die Fotografen kaum eine Rolle – in Großbritannien gilt das Fotografieren im öffentlichen Leben weitgehend als selbstverständlich. Nähe entsteht durch Respekt, nicht durch Heimlichkeit. Zu beachten ist dabei die unterschiedliche Rechtslage: In Deutschland und Österreich gelten beim Recht am eigenen Bild deutlich strengere Regeln als im Vereinigten Königreich.

Esther Haase, „Vivienne, Andreas & Me": Mode als Porträt

Die deutsche Modefotografin Esther Haase beschäftigt sich mit ihrer Verbindung zu Vivienne Westwood und Andreas Kronthaler. Ihre Bilder zeigen weniger Kleidung als Persönlichkeit, Energie und Ausdruck. Für die eigene Praxis:** Auch im inszenierten Genre entscheidet, ob eine Aufnahme einen Menschen zeigt oder nur ein Produkt.

Sir Brian May: Inszenierung eines Nischen-Genres

Der Queen-Gitarrist ist promovierter Physiker und Stereofotograf mit einer umfangreichen Sammlung historischer Stereobilder. Sein Beitrag wird über eine großformatige Installation mit Gucklöchern zugänglich gemacht. Stereofotografie wird selten ausgestellt, weil sie schwer zu präsentieren ist. Ein bekannter Name und eine durchdachte Installation lösen dieses Problem und führen das Publikum an die eigentlichen Bilder heran. Ein sperriges Thema braucht eine Form, die Zugang schafft. Erst die Idee der Präsentation, dann die Aufmerksamkeit für das Bild.

Mehr als Bilder an der Wand: Inszenierung und neue Formate

Hinter dem Festival steht auch die Frage, wie sich Fotografie so präsentieren lässt, dass sie ein breites Publikum erreicht. In diesem Jahr: “Die Kiss Box.” Ein Paar küsst sich eine Minute lang, eine Speichelprobe wird schockgefrostet und unter dem Mikroskop fotografiert – der “Frozen Kiss”. Jeder Kuss ergibt ein anderes, abstrakt anmutendes Bild. Fotografie kann sichtbar machen, was das bloße Auge nicht erfasst. Das Experimentieren mit Technik, Maßstab und Perspektive lohnt sich.

Praktische Tipps für den Besuch

Ausreichend Zeit einplanen. Der Rundgang ist rund 7 km lang; bequeme Schuhe sind sinnvoll.

Randzeiten nutzen. Das Festival ist rund um die Uhr geöffnet. Morgens und abends sind weniger Menschen unterwegs und das Licht für eigene Aufnahmen besser.

Mit Wien verbinden. Die Hauptstadt liegt rund 30 km entfernt und lässt sich gut zu einem Wochenende kombinieren.

Medientag. Zur Eröffnung gibt es jährlich einen Medienrundgang, bei dem viele Fotografinnen und Fotografen ihre Arbeiten vorstellen. Interessierte sind ausdrücklich eingeladen – Stichwort für die Suche: „La Gacilly Baden Medientag".

Festival unterstützen. Der Eintritt ist frei. Im Besucherzentrum gibt es Kataloge und weitere Informationen.

Fazit

“La Gacilly-Baden Photo 2026” zeigt zwei Dinge. Erstens lebt dokumentarische Fotografie von Nähe, Genauigkeit, Ausdauer und einer klaren Haltung – von McCullins kritischer Selbstreflexion bis zu Mike Taylors Blick neben das Geschehen. Zweitens kann Fotografie mehr sein als ein Bild an der Wand: Sie lässt sich inszenieren und erfahrbar machen. Wer sich für Reportage- und Dokumentarfotografie interessiert, findet in Baden bis zum 11. Oktober 2026 reichlich Stoff zum Nachdenken.

Weitere Inhalte folgen: In den kommenden Wochen erscheinen hier im Blog und im Podcast weitere Gespräche von vor Ort – unter anderem mit Esther Haase, Mike Taylor und Don McCullin. Der Newsletter informiert über neue Folgen.


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Kai Behrmann

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