Vom Spielfeld bis zum Set: Philipp Reinhard erklärt, wie gute Bilder entstehen, wenn man den Raum liest statt ihn zu dominieren
Was macht ein gutes Foto wirklich aus? Für Philipp Reinhard liegt die Antwort nur zu einem kleinen Teil in der Kamera. Im Gespräch erzählt er, warum Vertrauen, Aufmerksamkeit und echte Beziehungen am Set oft wichtiger sind als technische Perfektion. Er spricht über seine Arbeit zwischen Sport, Reportage und Werbung, den Umgang mit großen Namen und darüber, wie Bilder entstehen, wenn man den Raum liest, statt ihn zu dominieren.
Philipp spricht offen über seinen kritischen Blick auf KI, über kreative Prozesse, die Zeit brauchen, und über die Herausforderung, auch nach vielen Jahren im Beruf neugierig zu bleiben. Er erklärt, wie er sich auf Olympische Spiele vorbereitet, warum bewusste Limitierung für ihn ein zentrales Werkzeug ist und mit welchen Methoden er sein fotografisches Sehen immer wieder neu schärft.
Ein Gespräch über Fotografie jenseits von Technik – über Autorschaft, Erfahrung und den Mut, Dinge anders zu denken.
„Was ich mit dem Fotoapparat mache, sind vermutlich nicht mal 20 oder 30 Prozent von dem Gesamtfoto. (...) Ich werde häufig nicht als der Fotograf gebucht, der einfach Bilder macht, sondern als jemand, der mitdenkt.“
Philipp blickt auf Jahre zurück, die für ihn selbst manchmal „unwirklich“ wirken – nicht wegen der Namen auf seiner Kundenliste, sondern wegen der Entwicklung: langfristige Beziehungen, Vertrauen am Set und das Gefühl, dass Kunden mehr buchen als nur „Bilder“.
Im Zentrum steht eine einfache, aber anspruchsvolle Idee: Fotografie ist nicht nur Handwerk, sondern vor allem Zusammenarbeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich immer wieder aus gewohnten Mustern zu lösen – auch (oder gerade) wenn es beruflich gut läuft.
Die Kernthemen auf einen Blick
Fotografie ist überwiegend Beziehung, nicht Ausrüstung
Warum Philipp KI kritisch sieht – und wo er trotzdem gelassen bleibt
„Menschenfänger“: Wie man Vertrauen aufbaut, ohne im Mittelpunkt zu stehen
Inspiration: Warum alte Reportagen und andere Künste neue Bildideen auslösen
Kreative Frische durch Limitierung: Brennweite, Film, Blende, Perspektive
Olympia als Ausnahmezustand: Workflow, Schlaf, Fokus und mentale Hygiene
Freie Projekte in vollen Jahren: Ausstellungen als „frei“ verstandene Arbeit
Praktische Methode: Ideen vorab notieren, Unterbewusstsein füttern, vor Ort reagieren
Fotografie als Beziehung
Warum gute Bilder lange vor dem Auslösen entstehen
Im Gespräch wird schnell klar: Philipps Fotografie definiert sich nur zu einem kleinen Teil über Technik. Kameras und Objektive sind Werkzeuge – entscheidend ist das, was zwischen Menschen passiert.
Der größere Teil entsteht durch Aufmerksamkeit, durch das Lesen von Situationen und durch das Gespür für sein Gegenüber. Gute Fotografie bedeutet für ihn, zu spüren, wann Nähe hilfreich ist – und wann Zurückhaltung bessere Bilder ermöglicht. Manchmal ist der wichtigste Schritt der nach hinten.
Vertrauen aufbauen, ohne im Mittelpunkt zu stehen
Der „Menschenfänger“-Ansatz
Dass Menschen gerne erneut mit ihm arbeiten, führt Philipp nicht auf technische Qualität zurück, sondern auf das gemeinsame Erlebnis. Vertrauen entsteht für ihn nicht durch Dominanz oder Kontrolle, sondern durch Respekt, Interesse und Präsenz.
„Für mich ist jeder am Set gleich wichtig – egal ob Kreativdirektor oder jemand, der ein Kabel aufrollt.“
Der Fotograf steht für ihn nicht im Zentrum des Geschehens.
Im Gegenteil: Wenn er kaum wahrgenommen wird, läuft vieles richtig:
„Ich versuche nie, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn man mich kaum bemerkt, ist das oft ein gutes Zeichen.“
Gute Bilder entstehen für Philipp oft dann, wenn man bereit ist, Zeit zu investieren, statt ausschließlich auf Effizienz zu achten.
KI: kritisch im Denken, gelassen im Umgang
Warum Tempo nicht automatisch Qualität bedeutet
Philipps Skepsis gegenüber KI ist differenziert. Sie speist sich weniger aus Angst vor Ersetzbarkeit als aus Sorge um Wahrnehmung und kreative Tiefe.
Auf kleinen Displays verschwimmen für ihn zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Konstruktion – mit problematischen Folgen dort, wo Bilder Meinungen prägen.
Gleichzeitig beobachtet er, dass kreative Prozesse leiden können, wenn Ideen zu schnell entstehen.
„Eine Stunde mit KI ersetzt nicht mehrere Tage echtes Reindenken.“
Gerade das Ungeplante, das Reibungsvolle und das gemeinsame Entwickeln seien zentrale Bestandteile guter Arbeit.
Trotzdem bleibt Philipp gelassen.
Er vertraut darauf, dass es auch künftig Räume für authentische, menschliche Fotografie geben wird:
„Den Spaß an der Fotografie wird mir niemand nehmen.“
Inspiration jenseits von Trends
Warum alte Reportagen und andere Künste wichtig bleiben
Statt sich an aktuellen Bildtrends zu orientieren, sucht Philipp Inspiration bewusst in älteren Arbeiten und außerhalb der Fotografie. A
naloge Reportagen aus den 80er- und 90er-Jahren faszinieren ihn, weil sie unter klaren Einschränkungen entstanden sind – und dadurch oft erstaunlich präzise wirken.
Auch Musik, Kochen oder Design liefern ihm Impulse. Entscheidend ist nicht das Medium, sondern der Transfer von Prinzipien wie Rhythmus, Reduktion oder Kontrast.
Kreative Frische durch Limitierung
Brennweite, Film, Blende, Perspektive
Ein zentrales Werkzeug in Philipps Arbeit ist die bewusste Einschränkung.
Statt Möglichkeiten zu maximieren, reduziert er sie gezielt – etwa durch feste Brennweiten, Schwarz-Weiß oder geschlossene Blenden.
„Man sieht andere Bilder, wenn man sich bewusst einschränkt.“
Wer sich nicht auf Farbe oder geringe Schärfentiefe verlassen kann, muss genauer komponieren und bewusster entscheiden. Limitierung wird so zum Motor für neue Perspektiven und verhindert, dass man in funktionierenden Routinen stehen bleibt.
Olympia als Ausnahmezustand
Workflow, Schlaf, Fokus und mentale Hygiene
Trotz Erfahrung bleibt Olympia für Philipp jedes Mal eine extreme Situation: Reizüberflutung, wenig Platz, enge Zeitfenster, emotionale Nähe zu Athleten.
Neben einem stabilen Workflow spielt heute vor allem Regeneration eine zentrale Rolle. Schlaf ist für ihn kein Nebenthema mehr, sondern Teil der professionellen Vorbereitung:
„Zu wenig Schlaf ist keine Option mehr.“
Genauso wichtig ist mentale Hygiene: kleine Pausen, Musik, Gespräche, Momente außerhalb der Arbeit. Nicht drei Wochen im Tunnel verschwinden, sondern präsent und handlungsfähig bleiben.
Freie Projekte neu gedacht
Warum Ausstellungen für ihn „frei“ sind
Klassische freie Langzeitprojekte sind seltener geworden.
Freiheit definiert Philipp heute anders. Ausstellungen empfindet er als freie Arbeit.
Sie erlauben ihm, Bilder neu zu denken, Kontexte zu verschieben und sein Werk ohne äußere Vorgaben zu zeigen. Freiheit entsteht hier nicht durch Abwesenheit von Arbeit, sondern durch inhaltliche Kontrolle.
Vorbereitung für Intuition
Ideen notieren, Unterbewusstsein füttern, vor Ort reagieren
Eine seiner praktischsten Methoden ist überraschend simpel: Ideen vorab notieren. Tage vor einer Produktion schreibt Philipp Motive oder Gedanken auf – nicht als Shotlist, die er Punkt für Punkt abarbeiten will, sondern als mentale Vorbereitung.
Ziel ist es, das Unterbewusstsein zu sensibilisieren. Vor Ort reagiert er dann intuitiv auf Situationen, statt Bilder zu erzwingen.
„Ich will die Bilder nicht verkopft suchen, sondern bereit sein, wenn sie passieren.“
Den Raum lesen, statt ihn zu dominieren
Philipps Ansatz verbindet Erfahrung, Neugier und bewusste Reduktion.
Gute Fotografie entsteht für ihn nicht durch mehr Technik, sondern durch Aufmerksamkeit, Beziehung und die Bereitschaft, Routinen immer wieder zu hinterfragen.
Wer den Raum liest, statt ihn zu dominieren, schafft Bilder, die bleiben.
Über Philipp Reinhard
Philipp Reinhard ist Fotograf und Filmemacher mit den Schwerpunkten Sport-, Reportage- und Porträtfotografie. Seine Bilder sind nah, intensiv und ehrlich. Sie zeigen flüchtige Momente und emotionale Zwischenräume jenseits des Offensichtlichen.
Er arbeitet unter anderem als Teamfotograf für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (DFB), die HAKRO Merlins Crailsheim und Team Deutschland des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).
Er hat bereits mehrere Welt- und Europameisterschaften sowie Olympische Spiele begleitet und wurde bei seinen dritten Olympischen Spielen mit dem Titel „Sportfoto des Jahres” ausgezeichnet.
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