"World Press Photo"-Gewinner Matthew Abbott: Warum Storytelling wichtiger ist als Technik – und wie das „Känguru-Foto“ um die Welt ging
© Matthew Abbott
In dieser Podcast-Episode sprechen Pia Parolin und ich mit Matthew Abbott über Fotojournalismus jenseits von Technik: über Recherche, Zugang und das Erzählen in Serien. Abbott erzählt offen von der Arbeit an den australischen Buschfeuern, vom Druck im Feld – und von dem Moment, in dem das ikonische Känguru-Foto entstand. Ein Gespräch über einfache Bilder mit großer Wirkung, über Editoren als Sparringspartner und darüber, warum Storytelling die eigentliche Herausforderung bleibt.
„As photographers we love complex images, but what really has the chance to have the most impact are images that hit you straight and quick.“
Einordnung
Das Interview wurde im Juni 2025 im Rahmen der Medientage des “La Gacilly–Baden Photo” geführt.
Matthew Abbott war dort mit einer großformatigen Open-Air-Ausstellung vertreten, die seine Arbeit zu den australischen Buschfeuern zeigt.
Abbott beschreibt seinen fotografischen Anspruch sehr klar: Er versucht, Bilder zu machen, die berühren – Bilder, die sich anfühlen „wie ein Faustschlag in den Bauch“. Bilder, die nicht erklären, sondern treffen.
Technik ist nicht das Problem – Storytelling schon
Gleich zu Beginn des Gesprächs macht Abbott eine klare Unterscheidung: Gute, technisch saubere Bilder zu machen, ist heute einfacher denn je. Kameras sind schnell, präzise, zuverlässig. Die eigentliche Herausforderung liegt woanders.
Für ihn beginnt die Arbeit lange vor dem Auslösen:
Recherche, Gespräche, Zugang, Timing, Sicherheit.
Oft bestehe der Job schlicht darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Der Druck auf den Auslöser sei am Ende nur ein kleiner Teil eines viel größeren Prozesses.
„Sometimes the job really is just getting there and standing in that position at that moment.“
Vom Einzelbild zur Serie
Abbott beschreibt seinen eigenen Weg als langsamen Perspektivwechsel. Am Anfang stand die Faszination für das einzelne, visuell starke Bild: Farbe, Komposition, Spannung im Frame. Erst mit der Zeit rückte das Erzählen in Serien in den Mittelpunkt.
Heute versteht er Fotojournalismus konsequent als Storytelling mit mehreren Bildern. Nicht das eine ikonische Foto trägt eine Geschichte, sondern die Abfolge, die Zwischentöne, die leisen Bilder zwischen den starken Momenten. Genau darin sieht er auch eine seiner eigenen Lernkurven – und Schwächen: Er denkt weniger in klassischen „Shot-Listen“ und mehr in Szenen, die sich ergeben müssen.
Arbeiten im Feld: Offen bleiben statt inszenieren
Beim Fotografieren versucht Abbott, möglichst wenig zu erzwingen. Er arbeitet bewusst ohne Effekthascherei, ohne extreme Perspektiven oder übertriebene Dramatik. Die Szene soll für sich sprechen.
Gerade in der Reportage bedeutet das auch: Geduld. Tage, an denen wenig passiert, gehören genauso dazu wie Momente, in denen sich plötzlich alles verdichtet. Dokumentarische Arbeit heißt für ihn, zu akzeptieren, dass man nur das fotografieren kann, was tatsächlich geschieht.
Australien erzählen – für ein internationales Publikum
Ein wiederkehrendes Thema ist die Schwierigkeit, aus Australien heraus international relevante Geschichten zu erzählen. Große Distanzen, wenig Bevölkerung, zurückhaltende Menschen – und gleichzeitig die Notwendigkeit, Themen so aufzubereiten, dass sie für internationale Medien interessant sind.
Abbott spricht offen über diese Realität: Australische Medien können aufwendige Langzeitprojekte oft nicht finanzieren. Wer als freier Fotojournalist überleben will, muss verstehen, wie Editoren denken, welche Fragen sie stellen und welche Geschichten sie suchen.
Recherche, Zugang und Vorbereitung
Besonders deutlich wird das am Beispiel der Buschfeuer.
Das berühmte Känguru-Foto war kein Zufallsprodukt. Wochenlange Vorbereitung, Ortskenntnis, Sicherheitswissen, Kontakte und Informationsnetzwerke gingen diesem Moment voraus.
Abbott beschreibt eindrücklich, wie viele Puzzleteile zusammenkommen müssen, damit man überhaupt dort steht, wo ein solches Bild möglich wird – und wie viel Glück trotz aller Planung immer im Spiel ist.
„The photography is simple. The hard part is the storytelling.“
Kurz- vs. Langzeitprojekte
Interessant ist sein Blick auf Zeitdruck: Während persönliche Langzeitprojekte ihn oft blockieren, helfen ihm kurze Assignments mit klaren Deadlines. Der äußere Druck zwingt zu Entscheidungen, zu Abschlüssen.
Bei eigenen Projekten hingegen ist der Anspruch höher, die Selbstkritik härter. Abbott spricht offen darüber, wie schwer es ihm fällt, Projekte als „fertig“ zu betrachten – und wie wichtig es ist, irgendwann einen Strich zu ziehen.
Editieren als gemeinsamer Prozess
Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist das Editieren.
Abbott plädiert für radikale Reduktion: lieber wenige, präzise ausgewählte Bilder als große, ungefilterte Mengen. Wer zu viel schickt, überlässt zu viel dem Zufall.
Besonders prägend waren für ihn Fotoeditoren, die Editing als Dialog verstanden haben – als gemeinsames Denken über Rhythmus, Reihenfolge und Bedeutung. In solchen Momenten, sagt Abbott, lerne man oft mehr über die eigenen Bilder als im Feld.
© Matthew Abbott
© Matthew Abbott
Die Geschichte hinter dem Känguru-Foto
Die Entstehung des ikonischen Bildes schildert Abbott nüchtern und eindringlich. Nach Monaten der Dokumentation wirkte vieles fast normalisiert. Als das Känguru plötzlich vor dem brennenden Haus auftauchte, registrierte er das Bild – aber ohne innerlich abzuschalten.
Er zwingt sich bewusst dazu, nie zu denken: „Jetzt habe ich es.“
Stattdessen geht es weiter, zum nächsten Ort, zur nächsten Situation. Erst später, am Strand im Familienurlaub, wurde klar, welche Wirkung dieses eine Bild entfalten würde.
Warum dieses Bild weltweit funktionierte
Im Rückblick erkennt Abbott, warum gerade dieses Foto so stark war: Es verbindet menschliche Zerstörung mit einem ikonischen Tier. Es ist sofort lesbar. Kein Vorwissen nötig. Keine Erklärung.
Er betont, dass Fotografen oft komplexe Bilder lieben – das breite Publikum aber häufig von klaren, einfachen Bildern erreicht wird. Bilder, die man nicht analysieren muss, sondern sofort versteht.
„It doesn’t matter how good your photographs are. If there’s no story behind them, they mean nothing.“
Zukunft des Fotojournalismus
Optimismus klingt anders.
Abbott beschreibt die aktuelle Lage als schwierig: wirtschaftlicher Druck, unsichere Honorare, wenig Planungssicherheit. Selbst mit Auszeichnungen sei ein reines Leben vom Fotojournalismus kaum kalkulierbar.
Seine Konsequenz: breiter aufstellen. Workshops, Lehre, kommerzielle Aufträge – alles, was Raum schafft, um weiter an den eigenen journalistischen und künstlerischen Projekten zu arbeiten.
Rat an Nachwuchs
Sein wichtigster Rat ist klar und unspektakulär:
Werde nicht nur ein besserer Fotograf. Werde jemand, der die Welt versteht.
Politik, Gesellschaft, Journalismus, Netzwerke, Lebenserfahrung – all das sei entscheidend, um als Fotojournalist bestehen zu können.
Fotografie ist das Werkzeug. Entscheidend ist, was man damit erzählt – und für wen.
„It’s the simple images that convey a story immediately that have the potential to be so impactful.“
Über Matthew Abbott
Matthew Abbott ist ein australischer Fotojournalist, der international für seine langfristigen Reportagen und visuellen Essays bekannt ist. In seinen Arbeiten setzt er sich mit sozialen, ökologischen und politischen Themen auseinander, die er häufig in abgelegenen Regionen Australiens sowie im internationalen Kontext beleuchtet.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt Abbott für seine Dokumentation der australischen Buschfeuer 2019/2020 („Black Summer”). Für das Bild eines Kängurus, das an einem brennenden Haus vorbeispringt, wurde er mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet.
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