Weg vom Einzelbild: Wie Jochen Müller mit Serien und Routine seine Street Photography vertieft

Silhouette eines Mannes vor einer leuchtenden, grafischen Neon-Kulisse – ein Moment zwischen urbaner Bühne und flüchtiger Beobachtung, wie er typisch für Jochen Müllers Spiel mit Licht, Farbe und Kontrast ist. © Jochen Müller

Jochen Müller (aka "Jayshooter") fotografiert seit rund 13 Jahren auf der Straße – anfangs ohne zu wissen, was „Street Photography“ überhaupt ist. Heute interessiert ihn weniger der einzelne Lucky Shot, sondern der Aufbau von Serien, das bewusste Sehen und das langsame Eintauchen in Orte wie Düsseldorfs „Little Tokyo“. In diesem Interview spricht er darüber, wie er Inspiration findet, warum Großstadt-Kulissen seinen Blick schärfen, wie man auch ohne Kamera besser wird – und weshalb das eigene Archiv unterschätzter Trainingsplatz ist.

Wenn man mal unterwegs ist und man findet keine Motive auf der Straße, dann hat man immer eine Serie in der Tasche, an der man weiterarbeiten kann.
— Jochen Müller
 

Jochen Müller beschreibt Street Photography als etwas, das sich über Jahre formt: aus ersten Motiven, aus Routinen, aus Umwegen und aus Phasen, in denen man wieder neu lernt zu schauen.

Dabei zieht er eine klare Linie: Er will weg vom reinen Einzelbild und hin zu Serien, die ihm Richtung geben – gerade dann, wenn die Straße mal „nichts hergibt“.

Im Gespräch wird deutlich, wie stark ihn Licht, grafische Ordnung und eine gewisse Authentizität leiten. Und wie sehr ihm Orte helfen, die eine eigene „Bühne“ mitbringen – sei es London, Boston oder das japanische Viertel in Düsseldorf.

Zentrale Themen auf einen Blick

  • Von den ersten Motiven zur Street Photography: Einstieg über ein wiederkehrendes Projekt und Neugier in der Stadt

  • Bildsprache: Licht, Geometrie, Authentizität – und eine breite Inspirationsquelle über Genres hinweg

  • Einzelbild vs. Serie: Warum Serien Struktur geben, Motivation halten und Geschichten entstehen lassen

  • Training ohne Kamera: Sehen schulen, Licht lesen, Situationen antizipieren

  • Routine und Ortswechsel: Wiederholung in der Heimatstadt plus Impulse durch neue Städte

  • Großstadt als Kulisse: Architektur, harte Schatten, Spiegelungen, „urbaner Dschungel“

  • Wetter, Nacht, Neon: Winter als Chance, Regen als Stimmungsträger, Nachtspaziergänge als Praxis

  • Szene & Community: Ausstellungen, Zines, Magazine – viel Bewegung, aber schwer zu überblicken

  • Archivarbeit: Sichten, neu bewerten, „unentdeckte Schätzchen“ finden, den eigenen Weg erkennen

  • Technik-Hype: Kameras sind „gut genug“ – der kreative Fokus verschiebt sich

Vom Babyfoto zur Straße: Der Einstieg über ein wiederkehrendes Motiv

Jochen kann den Beginn seiner Street Photography ziemlich genau datieren – wegen seines Sohnes. Mit dessen Geburt kam auch eine neue Kamera ins Haus. Anfangs fotografierte er naheliegend das Familienleben, doch es dauerte nicht lange, bis es ihn nach draußen zog. Ohne konkretes Ziel, ohne klares Konzept und ohne überhaupt zu wissen, was Street Photography eigentlich ist, begann er, durch die Stadt zu streifen.

Der eigentliche Auslöser war ein kleines, wiederkehrendes Motiv: Sticker mit Peckman-Gespenstern, die an ungewöhnlichen Orten in Düsseldorf auftauchten. Aus Neugier fotografierte er sie – erst spielerisch, dann immer systematischer. Dieses Mini-Projekt wurde zum Anlass, regelmäßig loszugehen. Aus einer beiläufigen Idee entwickelte sich Schritt für Schritt ein ernsthaftes Interesse an der Straße als fotografischem Raum.

Wie sich sein Blick formte: Grafik, Kontrast und der Weg zu Menschen

In seinen frühen Arbeiten standen urbane Szenen im Vordergrund: Architektur, harte Kontraste, starke Schatten, grafische Kompositionen. Licht und Form bestimmten das Bild. Menschen spielten zunächst eine untergeordnete Rolle und rückten erst später stärker ins Zentrum – zunehmend auch als erkennbare Protagonisten.

Was seine Entwicklung besonders interessant macht, ist sein offener Umgang mit Stil. Für ihn war das Finden einer eigenen Bildsprache kein plötzlicher Durchbruch, sondern ein Prozess des Lernens, Kopierens und Weiterentwickelns. Er ließ sich inspirieren, probierte aus, imitierte bewusst und mischte Einflüsse neu. Der eigene Stil ist für ihn kein fertiges Ziel, sondern eine fortlaufende Annäherung.

Was ihn leitet: Licht, Geometrie und Authentizität

Sein fotografischer Kompass ist klar, aber nicht dogmatisch. Licht spielt eine zentrale Rolle – besonders dann, wenn es Spannung erzeugt. Ebenso wichtig ist ein geometrischer Aufbau, eine visuelle Ordnung im Bild. Gleichzeitig sucht er nach Authentizität. Die Bilder dürfen gestaltet sein, aber sie sollen nicht konstruiert wirken.

Dabei denkt er nicht in engen Genre-Grenzen. Ob abstrakte Straßenszene oder dokumentarischer Moment – entscheidend ist für ihn die innere Spannung eines Bildes. In stark dokumentarischen Kontexten, etwa bei Kriegsfotografie, tritt Gestaltung bewusst zurück. Dort steht die inhaltliche Aussage im Vordergrund.

Vom Einzelbild zur Serie: Struktur statt Zufall

Ein entscheidender Entwicklungsschritt ist seine zunehmende Hinwendung zur Serie. Während früher das einzelne starke Bild im Fokus stand, denkt er heute stärker in Zusammenhängen.

Eine Serie kann dabei vieles sein: ein Ort, ein Motiv, ein wiederkehrendes Thema.

“Little Tokyo” in Düsseldorf ist für ihn ein solches fortlaufendes Projekt. Ebenso eine Strandserie in Holland, bei der er mit einem leicht skurrilen Blick auf Menschen und Situationen arbeitet. Serien eröffnen für ihn einen anderen Zugang zur Fotografie. Durch Wiederholung entsteht Tiefe, durch Variation eine erzählerische Ebene.

Ganz praktisch bieten Serien auch Sicherheit: Wenn der Fototag stockt, gibt es immer ein Thema, an dem man weiterarbeiten kann. Ein einfaches Beispiel sind Regenschirme – ein Motiv, das sich immer wieder findet und doch jedes Mal anders zeigt.

Sehen trainieren – auch ohne Kamera

Ein zentraler Punkt seiner Herangehensweise ist das bewusste Training des Sehens.

Fotografie beginnt für ihn nicht erst mit der Kamera in der Hand. Licht beobachten, Räume lesen, Situationen antizipieren – all das kann und sollte auch ohne Kamera geübt werden.

Ich glaube, dass es wahnsinnig wichtig ist, sein Sehen auch zu schulen oder zu trainieren, wenn man keine Kamera in der Hand hat.
— Jochen Müller

Gleichzeitig plädiert er für Gelassenheit. Der Druck, ständig neue Bilder produzieren zu müssen, vor allem im Kontext von Social Media, kann lähmen. Abstand hilft. Manchmal ist es sinnvoller, die Kamera bewusst in der Tasche zu lassen und nur zu beobachten.

Routine und Ortswechsel: Zwei Seiten derselben Medaille

Wiederkehrende Wege und vertraute Spots sind wertvoll, weil sie ein tiefes Verständnis für einen Ort ermöglichen. Gleichzeitig braucht es neue Impulse. Ein Ortswechsel – selbst in die Nachbarstadt – kann den Blick schärfen.

Sein London-Trip war privat motiviert, wirkte fotografisch jedoch wie ein Reset. Was er dort vor allem mitnahm, war die Erfahrung konzentrierter Zeit: mehrere Stunden am Stück ausschließlich fotografieren. Diese Fokussierung kann erschöpfen, aber sie bringt einen spürbar weiter.

Großstadt als Bühne

Großstädte faszinieren ihn weniger wegen der Menschenmenge als wegen ihrer räumlichen Struktur. Hohe Gebäude, harte Schatten, Spiegelungen und wechselndes Licht schaffen eine visuelle Bühne, die er reizvoll findet. Der Kontrast aus Architektur und menschlicher Bewegung erzeugt eine Dynamik, die ihn anzieht.

Hinzu kommt das Gefühl, in einem urbanen Geflecht aus Kulturen, Charakteren und Eigenheiten unterwegs zu sein. Städte wie Berlin, London oder Boston bieten dafür eine andere Intensität als kleinere Umgebungen.

Wetter, Nacht und Neon

Auch wenn er sich selbst als Schönwetterfotograf bezeichnet, nutzt er besondere Bedingungen bewusst. Schnee, frühe Dunkelheit im Winter oder Regen können starke visuelle Situationen schaffen. Besonders Nachtaufnahmen mit Neonlicht reizen ihn – nicht zuletzt wegen der Kombination aus Farbe, Reflexion und Atmosphäre.

Die Inspiration aus London führte dazu, dass er auch in Düsseldorf häufiger nachts durch Little Tokyo streift. Wiederholung erzeugt hier nicht Langeweile, sondern Verdichtung.

Little Tokyo: Dokumentarischer Blick vor der eigenen Haustür

Das japanische Viertel in Düsseldorf ist für ihn mehr als ein Fotospot. Es ist ein kultureller Übergangsraum. Nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt beginnt eine andere Welt – mit eigenen Ritualen, Umgangsformen und visuellen Eigenheiten.

Bislang nähert er sich diesem Ort überwiegend beobachtend und respektvoll. Zustimmung holt er sich oft nonverbal ein. Gleichzeitig denkt er darüber nach, stärker dokumentarisch zu arbeiten und gezielt Kontakte zu knüpfen. Erste Bekanntschaften sind bereits entstanden – ein langsamer, organischer Prozess.

Szene, Magazine und Ausstellungen

Die Street-Photography-Szene in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Ausstellungen, Zines und Magazine entstehen in großer Zahl. Das ist positiv, macht den Überblick aber schwierig. Inspiration findet er in Bildbänden, in Ausstellungen wie etwa einer Saul-Leiter-Schau in Amsterdam oder in Publikationen wie „Magnum Streetwise“*.

Auch kleinere Magazine wie „Metropolens“ aus Nürnberg zeigen, wie lebendig die Szene geworden ist – oft in kleinen Auflagen, liebevoll kuratiert und schnell vergriffen.

Archivarbeit: Der unterschätzte Fortschritt

Ein Thema, das ihn aktuell stark beschäftigt, ist die eigene Archivstruktur. Alte Bilder neu sichten, RAW-Dateien noch einmal betrachten, frühere Entscheidungen hinterfragen – all das bringt neue Erkenntnisse. Man entdeckt Bilder, die damals übersehen wurden, und erkennt Entwicklungen im eigenen Blick.

Archivarbeit ist für ihn keine Verwaltungsaufgabe, sondern ein kreativer Prozess. Sie schafft Klarheit über Motive, wiederkehrende Themen und den eigenen fotografischen Weg.

Technik: Der Hype flacht ab

Obwohl er sich selbst als technikaffin bezeichnet, sieht er den großen Technik-Hype inzwischen gelassener. Die Kameras der letzten Jahre sind auf einem so hohen Niveau, dass sie kaum noch limitieren.

Der entscheidende Fortschritt liegt weniger im Equipment als im Blick.



Über Jochen Müller

Seit rund 13 Jahren ist der Düsseldorfer in der Street Photography aktiv und hat sich mit praxisnahen Inhalten zu Bildserien, Inspiration und Entwicklungen innerhalb der Szene einen Namen gemacht – insbesondere mit seinem erfolgreichen YouTube-Kanal „Jayshooter“.

Seinen Stil beschreibt er selbst als eine Mischung aus Authentizität, grafischem Aufbau und bewusst eingesetztem Licht.

Im Bildner Verlag veröffentlichte er ein eigenes Buch: Streetfotografie - Die Kunst, einzigartige Augenblicke einzufangen*


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