Wie verändert künstliche Intelligenz die Arbeit von Fotografen? Ines Thomsen und Martin Dörsch sprechen über ihr Buch „KI-Mindset für deine Fotografie“, ihre ersten Erfahrungen mit generativer KI und darüber, warum es nicht darum geht, jedem neuen Tool hinterherzulaufen. Wir diskutieren, wie KI beim Schreiben und in fotografischen Workflows zum Sparringspartner werden kann, warum die eigene Bildsprache und fotografisches Fachwissen wichtiger werden und wie sich reale Fotografie mit generierten Elementen verbinden lässt. Außerdem geht es um Transparenz, Kennzeichnung, Bildrechte und die Frage, welchen Wert echte Fotografie in einer zunehmend synthetischen Bilderwelt bekommen könnte.
Vom KI-Schock zur bewussten Auseinandersetzung
Als Martin Ines 2022 zum ersten Mal KI-generierte Bilder zeigte, war ihre Reaktion alles andere als Begeisterung. Die Geschwindigkeit der Entwicklung und die möglichen Folgen für ihren Beruf lösten zunächst vor allem Sorge aus. Fotografie war für Ines längst mehr als nur ein Beruf. Entsprechend groß war die Frage, was passiert, wenn plötzlich Systeme auftauchen, die innerhalb weniger Sekunden Bilder erzeugen können.
Aus dieser ersten Verunsicherung entwickelte sich jedoch ein anderer Umgang mit dem Thema: nicht wegschauen, aber auch nicht jeder technischen Entwicklung unkritisch folgen. Stattdessen wollten Ines und Martin verstehen, was diese Werkzeuge tatsächlich können. Ein Gedanke zieht sich deshalb durch unser gesamtes Gespräch: Erst Wissen schafft die Grundlage für eine bewusste Entscheidung.
Man kann KI einsetzen. Man kann bestimmte Anwendungen ablehnen. Man kann klassische Fotografie und KI-basierte Werkzeuge miteinander kombinieren. Entscheidend ist, die Möglichkeiten zumindest so weit zu kennen, dass die eigene Entscheidung nicht allein aus Angst oder Euphorie entsteht.
Es gibt nicht „die KI“
Martin macht dabei eine wichtige Unterscheidung: Wenn wir über künstliche Intelligenz sprechen, reden wir schnell von einer einzigen großen Technologie. Tatsächlich haben wir es mit sehr unterschiedlichen Werkzeugen und Systemen zu tun. Ein Tool hilft bei der Ideenfindung. Ein anderes erzeugt Bilder. Wieder andere unterstützen bei Retusche, Recherche, Programmierung, Text oder Organisation. Für Fotografen bedeutet das auch: Niemand muss versuchen, jeden neuen Dienst zu beherrschen. Die Landschaft verändert sich ohnehin zu schnell. Viel wichtiger ist es, grundlegende Prinzipien zu verstehen und sich mit einzelnen Werkzeugen anhand konkreter Aufgaben auseinanderzusetzen.
KI als Sparringspartner: Wie das Buch entstanden ist
Auch das gemeinsame Buch von Ines und Martin wäre in dieser Form ohne KI vermutlich nicht entstanden. Die beiden haben ihre Gespräche aufgezeichnet und transkribiert. Dieses Material wurde anschließend zum Kontext für die Arbeit mit KI-Systemen. Statt der Maschine einfach den Auftrag zu geben, ein Kapitel zu schreiben, entstand ein Dialog. Die KI sollte Fragen stellen, Zusammenhänge strukturieren und beim Formulieren helfen. Ines und Martin entwickelten die Texte anschließend weiter.
Damit wurde die KI nicht zum Autor des Buches, sondern zu einem Sparringspartner innerhalb eines menschlich gesteuerten Prozesses. Gerade darin steckt eine interessante Idee auch für andere kreative Arbeiten: Je mehr eigener Kontext, Erfahrung und konkrete Gedanken wir einem System zur Verfügung stellen, desto eher kann daraus etwas entstehen, das tatsächlich mit unserer Arbeit zu tun hat.
Lernen beginnt dort, wo ein echtes Projekt entsteht
Ein weiterer wichtiger Punkt: Mit KI herumzuspielen ist etwas anderes, als mit ihr ein konkretes Problem lösen zu müssen. Erst ein echtes Projekt erzeugt Widerstände. Plötzlich reichen ein paar interessante Ergebnisse nicht mehr aus. Der Text muss funktionieren. Das Bild muss stimmen. Ein Workflow muss reproduzierbar sein.
Genau an diesen Stellen entsteht Lernen.
Ines und Martin beschreiben deshalb ihre zahlreichen Experimente und auch die Versuche, die zunächst nicht funktioniert haben. Das Scheitern gehört für sie zum Prozess: ausprobieren, Grenzen erkennen, verändern und erneut testen.
Die eigene Bildsprache wird nicht unwichtiger
Besonders spannend wird das dort, wo generative KI direkt auf Fotografie trifft. Ines arbeitet vor allem mit Menschen. Gemeinsam mit Martin entwickelte sie sogenannte AI-Fusion-Workflows: Der Hintergrund eines Bildes kann beispielsweise mit KI erzeugt werden, während die Person anschließend real im Studio fotografiert wird. Anfangs zeigte sich dabei ein Problem. Die KI konnte zwar beeindruckende Bildwelten erzeugen – aber diese sahen nicht unbedingt nach Ines aus.
Also begann sie, die eigene fotografische Arbeit genauer zu analysieren: Welche Farben verwendet sie? Wie komponiert sie? Welche Perspektiven und Lichtstimmungen entsprechen ihrer Bildsprache? Erst danach wurden die generierten Elemente gezielt daran angepasst. Das führt zu einem wichtigen Gedanken: Nur weil technisch plötzlich fast alles möglich erscheint, muss man nicht alles machen. Gerade wenn Werkzeuge immer leistungsfähiger werden, kann die eigene visuelle Sprache zu einem entscheidenden Orientierungspunkt werden.
Fotografisches Wissen bleibt entscheidend
Auch im AI-Fusion-Workflow reicht es nicht aus, einen überzeugenden Hintergrund zu generieren. Licht, Perspektive und Brennweite der real fotografierten Person müssen zu dieser Szene passen. Dafür braucht es fotografisches Verständnis. Ines und Martin drehen damit eine verbreitete Vorstellung um: Je besser die KI wird, desto weniger Wissen benötigen wir.
Ihre Erfahrung ist eher das Gegenteil.
Wer sein eigenes Fachgebiet beherrscht, kann Ergebnisse beurteilen. Er erkennt Fehler, stellt bessere Fragen und weiß, wann ein Vorschlag eines Systems plausibel ist – und wann nicht. Das gilt nicht nur für Bilder. KI-Systeme können Texte und Antworten produzieren, die ausgesprochen überzeugend klingen und trotzdem falsch sein können. Fachwissen wird damit nicht überflüssig. Es verändert seine Funktion: Wir müssen nicht mehr alles selbst erzeugen, aber wir müssen stärker beurteilen können.
Der Mensch vor der Kamera bleibt
Für Ines gibt es dabei eine klare Grenze: Der Mensch vor ihrer Kamera soll real bleiben. Gerade dort liegt für sie der Kern ihrer Arbeit – in der Begegnung, im Austausch und in der Zusammenarbeit während eines Shootings. KI kann dagegen Räume erschaffen, Produktionsmöglichkeiten erweitern oder Ideen realisierbar machen, für die Budgets und reale Locations fehlen würden. Dadurch entstehen hybride Produktionen: echte Menschen in teilweise generierten Bildwelten.
Interessanterweise hat die intensive Beschäftigung mit KI Ines damit nicht weiter von der klassischen Fotografie entfernt. Im Gegenteil: Sie habe dadurch noch deutlicher verstanden, warum sie Menschen fotografieren möchte.
Nicht jedem neuen Tool hinterherlaufen
Die Geschwindigkeit der Entwicklung kann schnell das Gefühl erzeugen, permanent zurückzufallen. Midjourney, ChatGPT, Claude, Mistral, Flux und zahlreiche andere Systeme verändern sich, neue Modelle kommen hinzu und Funktionen wandern von einer Plattform zur nächsten. Martin rät deshalb davon ab, jedem neuen Werkzeug hinterherzulaufen. Sinnvoller ist es, ein System auszuwählen, damit Erfahrungen zu sammeln und grundlegende Arbeitsweisen zu verstehen. Neue Funktionen lassen sich später wesentlich leichter einordnen. Das Ziel ist nicht, jederzeit sämtliche KI-Werkzeuge zu kennen. Das Ziel ist, zu verstehen, was für die eigene Arbeit nützlich sein könnte.
Warum Austausch wichtiger wird
Ines und Martin ergänzen sich dabei bewusst. Martin bringt technisches Wissen mit, Ines ihre Erfahrung in der Arbeit mit Menschen und ihre fotografische Perspektive. Beide beschreiben, wie viel sie gerade dadurch voneinander gelernt haben.
Das Buch folgt demselben Prinzip.
Neben ihren eigenen Erfahrungen haben sie Experten aus Fotografie, Recht, Ethik und anderen Bereichen eingebunden. Unter anderem kommen Lindsay Adler, Rankin, Bettina Leopold, Sebastian Deubelli und Manuela Astrid Weixlbaumer zu Wort. Denn kaum jemand wird sämtliche Aspekte dieser Entwicklung allein überblicken können. Der Austausch mit Menschen aus anderen Fachgebieten wird deshalb zu einem wichtigen Teil des Lernens.
Transparenz, Kennzeichnung und rechtliche Fragen
Zum Ende unseres Gesprächs geht es auch um Kennzeichnung, Bildrechte und den EU AI Act. Martin erläutert seine Einschätzung dazu, wann KI-generierte beziehungsweise stark KI-veränderte fotorealistische Bilder gekennzeichnet werden müssen und welche Chancen daraus für klassische Fotografie entstehen können. In einer Bilderwelt, in der immer häufiger schwer zu erkennen ist, was fotografiert und was generiert wurde, könnte das nach seiner Einschätzung den Wert real entstandener Fotografie sogar erhöhen.
Auch das Recht am eigenen Bild spielt eine Rolle. Gerade bei generierten Personen können neue Fragen entstehen, wenn künstlich erzeugte Menschen realen Personen stark ähneln. Ines und Martin betonen dabei ausdrücklich, dass ihre Einschätzungen keine Rechtsberatung ersetzen. Fotografen sollten sich bei konkreten rechtlichen Fragen an entsprechend spezialisierte Experten wenden.
Was bleibt, wenn KI immer mehr kann?
Vielleicht ist das die interessanteste Frage dieser Folge. Wenn technische Systeme immer leistungsfähiger werden, was macht dann noch den Fotografen aus? Eine endgültige Antwort gibt es darauf nicht. Aber unser Gespräch zeigt mehrere mögliche Antworten: Erfahrung. Bildsprache. Urteilskraft. Der Umgang mit Menschen. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Und die Entscheidung, wann ein Werkzeug sinnvoll ist – und wann man bewusst darauf verzichtet. KI muss klassische Fotografie deshalb nicht zwangsläufig ersetzen. Vielleicht zwingt sie uns vielmehr dazu, genauer darüber nachzudenken, was wir an Fotografie eigentlich schätzen. Und was davon wir bewahren wollen.
Erwähnte Personen, Bücher und Ressourcen
Buch: “KI-Mindset für deine Fotografie – Künstliche Intelligenz verstehen, kreativ nutzen und eigene Workflows entwickeln”* von Ines Thomsen und Martin Dörsch, Rheinwerk Verlag
Gäste dieser Folge: Ines Thomsen und Martin Dörsch
Im Gespräch erwähnte Personen: Lindsay Adler, Rankin, Bettina Leopold, Sebastian Deubelli und Manuela Astrid Weixlbaumer
Plattformen und Projekte: AI-Mindset, I MADE IT
Erwähnte KI- und Kreativwerkzeuge: ChatGPT, Claude, Midjourney, Mistral, Flux, Flora AI, Adobe Lightroom und Adobe Photoshop
Weitere Themen: AI Fusion Photography, generative KI, EU AI Act, Kennzeichnung KI-generierter Inhalte, Recht am eigenen Bild, Bildsprache und kreative Workflows
„Was auch immer es ist – die Art und Weise, wie du deine Geschichte online vermittelst, kann einen gewaltigen Unterschied ausmachen.“
KI-Mindset für deine Fotografie – Ines Thomsen & Martin Dörsch
Wie können Fotografen künstliche Intelligenz sinnvoll nutzen, ohne ihre eigene Kreativität und Bildsprache zu verlieren? In ihrem Buch zeigen Ines Thomsen und Martin Dörsch, welche Chancen und Herausforderungen KI für die Fotografie mit sich bringt. Anhand praktischer Beispiele und eigener Projekte erklären sie, wie KI kreative Prozesse unterstützen, neue Bildwelten ermöglichen und fotografische Workflows erweitern kann.
Ergänzt durch Interviews und Gastbeiträge renommierter Fotografen und Experten beleuchtet das Buch auch rechtliche und gesellschaftliche Fragen.
Die zentrale Botschaft: Nicht jedes neue KI-Tool muss genutzt werden. Entscheidend ist, die Technologie zu verstehen und selbstbestimmt zu entscheiden, wo sie die eigene fotografische Arbeit bereichern kann.
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